Von Erfindungsgabe und poetischem Wahnsinn

Man führe einen Literaturwissenschaftler und einen Grafiker zusammen, stelle die „Spielvorgabe Atlas“ und lasse diese Mischung ein halbes Jahr lang wirken. Das Ergebnis, der „Atlas der fiktiven Orte“, zwingt nicht nur Google dazu, seine Karten zu aktualisieren – es lässt den Leser seine Urlaubspläne überdenken: Die nächste Reise könnte vom heimischen Sofa nach Camelot, zur Insel der Flasche und nach Phantasien führen. Gegessen wird natürlich im Schlaraffenland …

Einer der wohl beliebtesten fiktiven Orte illustriert von Steffen Hendel

Einer der wohl beliebtesten fiktiven Orte illustriert von Steffen Hendel

Auf diesen Atlas haben viele gewartet, wenn auch ohne es zu wissen. Denn wie und wo muss man sich eigentlich das Lummerland vorstellen, oder Rabelais‘ Insel der Flasche, auf der der magische Brunnen Wasser zu Wein werden lässt? Und in welchem der etwa 35 Springfields treffen wir auf aufgetürmte blaue Haare und hören das Saxophonspiel einer gelbhäutigen Jugendlichen?

In nur einem halben Jahr haben Prof. Dr. Werner Nell, geschäftsführender Direktor des Instituts für Germanistik der Martin-Luther-Universität (MLU), und Steffen Hendel, Absolvent der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, den „Atlas der fiktiven Orte“ zusammengestellt. Grund dafür mag mitunter „die Attraktivität der Beschäftigung mit […] Scheinwelten“ sein, die „nahezu so alt ist wie die Menschheit selbst“, wie Nell im Vorwort schreibt.

Mit Text und Bild bringen Autor und Illustrator den Leser an Orte, zu denen kein Navigationssystem führt – Inseln der Fantasie, Reiche des Himmels, Traumwelten. Nell, „literarischer Weltenbummler, Soziologe und Komparatist“, entdeckt dem Leser dabei auf unterhaltsame Weise bündig die mit den fiktiven Orten verbundenen Abenteuer und Hintergründe.

„Literatur ist angetrieben von allzu menschlichen Problemen“, erklärt der Autor. „Die erfundenen Welten, die der Fantasie des Menschen – eine Fähigkeit, die ihn auszeichnet – entspringen, bezeugen die wechselseitige Beziehung von Realität und Fiktion.“ Der Mensch, umgetrieben durch Ängste und Wünsche, wird zum „Weltenbastler“.

Die Texte hat Nell bewusst kompakt gehalten und beinahe abrupt enden lassen. „Ich möchte, dass der Leser seine eigene Fantasie bemüht und selbst weiterdenkt. Er soll angeregt werden“, erklärt der Literaturwissenschaftler.

Die Illustrationen sind den Texten als unabhängiges Werk beigegeben. „Die Karten stellen keine Ergänzungen zum Text dar, sondern vielmehr eigenständige Interpretationsangebote“, so Nell. Hendel hat hierzu Montagen durch Überlagerungen von beispielsweise Google Maps, Werken der bildenden Kunst und eigenen Zeichnungen angefertigt. So hat er – wie die Schöpfer der beschriebenen fiktiven Orte selbst – Elemente aus der realen Welt mit Erfundenem verschmelzen lassen.

Sowohl für den Autor als auch für den Illustrator war jedoch Vorsicht bei der Verarbeitung der Informationen geboten: „Man ist imstande, ganze Fan-Gemeinden auf sich zu hetzen, wenn man sich etwa im Falle widersprüchlicher Informationen für eine Seite entscheidet“, berichtet Nell. Bei der Recherche im Internet ist er auf Anhängerschaften mit tausenden von Mitgliedern gestoßen, die in Foren alle auffindbaren Fakten z. B. rund um Tolkiens Welt, das Springfield der Simpsons oder Entenhausen zusammentragen. „Mit den Donaldisten möchte man es sich als Autor nicht verscherzen!“

Autor Prof. Dr. Werner Nell und Illustrator Steffen Hendel im Gespräch über den "Atlas der fiktiven Orte" (Foto: Maike Glöckner)

Autor Prof. Dr. Werner Nell und Illustrator Steffen Hendel im Gespräch über den „Atlas der fiktiven Orte“ (Foto: Maike Glöckner)

Vor mehr als zwei Jahrzehnten begann Nells Zusammenarbeit mit dem Verlag, für den er im Laufe der Zeit etliche Beiträge verfasste. „Trotz der strukturellen Veränderungen des Verlagshauses ist ein enger Kontakt zu einzelnen Mitarbeitern erhalten geblieben“, schildert der Komparatist. Als man im Frühjahr 2010 gemeinsam über ein neues Projekt nachdachte, verband sich die Idee eines etwas anderen Atlas‘ mit Nells gedanklichem Sammelsurium fiktiver Welten. Nach Prüfung des Konzepts erhielt er im Frühjahr 2011 grünes Licht.

Einen Illustrator, der sogar über fachliche Kompetenz verfügt, hatte er in direktem Umfeld: Steffen Hendel, der auch an der MLU Germanistik studiert hat und inzwischen am Institut für Germanistik promoviert und lehrt, war ihm längst bekannt. „Für verschiedene von Professor Nell organisierte Konferenzen habe ich in den letzten Jahren Flyer und Plakate gestaltet“, berichtet der Künstler.

Kleberschnüffeln mit Kate Bush

Dass das Buch es so schnell in die Läden geschafft hat, lag vor allem auch daran, dass Autor und Illustrator jede Menge Spaß an der Arbeit hatten. „Nachdem eine Auswahl von 30 fiktiven Orten getroffen war, hat uns der Verlag völlig freie Hand gelassen für die Gestaltung. Im Grunde gab man uns nur die Spielvorgabe Atlas“, berichtet Nell.

Einer seiner liebsten Texte ist der zur „Insel der Flasche“. „Rabelais‘ Gargantua und Pantagruel ist ein großartiges Buch, das Vertrauen in die Schöpfung und Lebensfreude vermittelt. Den Beitrag habe ich an einem Tag geschrieben“, schwärmt der Professor. Die Illustrationen der „Insel der Flasche“ und die des „Schlaraffenlands“ (man beachte die Grillhähnchen-Flugroute!) haben Hendel besondere Freude bereitet, die Karte von Springfield allerdings hatte Nebenwirkungen: „Ich habe Kate Bush gehört und war dabei so in die Montage-Arbeit mit Fixogum vertieft, dass ich irgendwann zu spüren bekam, wieviel Kleber ich die ganze Zeit über geschnüffelt hatte.“

Aber nicht nur den Produzenten vermag das Werk zu berauschen – der Leser bleibt nicht verschont. Und mit etwas Glück können wir in nicht allzu ferner Zukunft weitere Odysseen unternehmen, denn der literarische Weltenbummler verfügt über gut 100 weitere Scheinwelten, in die zu entführen er sich nicht scheut.

Text: Melanie Zimmermann

► Werner Nell, Steffen Hendel: Atlas der fiktiven Orte. Utopia, Camelot und Mittelerde. Eine Entdeckungsreise zu erfundenen Schauplätzen. Mannheim: Bibliographisches Institut 2011. 160 Seiten, 29,95 Euro. ISBN: 978-3-411-08387-9

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Kommentare [ 1 ]

1 Scientia Halensis : Ein "Buch des Jahres" aus Halle schrieb am 11.05.2016 um 14:01

[…] ausführlicher Bericht über das Buch […]

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