In demokratischen Schulen übernimmt jeder Verantwortung für sein eigenes Bildungsleben und entscheidet selbst. Alle Beteiligten leben nach dem Prinzip "Ein Mensch - eine Stimme" zusammen. (Foto: Maike Glöckner)

In demokratischen Schulen übernimmt jeder Verantwortung für sein eigenes Bildungsleben und entscheidet selbst. Alle Beteiligten leben nach dem Prinzip "Ein Mensch - eine Stimme" zusammen. (Foto: Maike Glöckner)

Israel III: "Leben und lernen ohne Druck"

25 Studierende aus Halle waren im Februar auf Weiterbildung in Israel: In Tel Aviv besuchten sie „demokratische Schulen“ und die größte Lehrerbildungsstätte des Landes. Ungewöhnliche Schul- und Lehrformen mit Vorbildfunktion waren dort Thema. Im dritten Teil unserer kleinen Serie erklärt Dozent Robert Kruschel, was demokratische Schulen sind und wie der Austausch mit Israel zustande kam.

Herr Kruschel, was ist unter demokratischer und inklusiver Bildung zu verstehen?

Bezogen auf das Thema Schule wird unter demokratischer Bildung verstanden, dass jungen Menschen Orte zur Verfügung gestellt werden, an denen sie leben, lernen und wachsen dürfen, ohne dabei Druck oder gar Zwang erfahren zu müssen. Jeder Schüler entscheidet selber wann, wo, wie, ob und mit wem er oder sie sich mit etwas auseinandersetzt. Sie übernehmen Verantwortung für ihr eigenes Bildungsleben.

Die Gruppe zu Gast im Kibbutz (Foto: Robert Kruschel)

Die Gruppe zu Gast im Kibbutz (Foto: Robert Kruschel)

Wie sieht das ganz konkret aus?

In demokratischen Schulen leben alle Beteiligten, auch die Erwachsenen, nach dem Prinzip „ein Mensch – eine Stimme“ zusammen. Dies hat zur Folge, dass jede und jeder direkt oder indirekt an Entscheidungen, die alle betreffen, teilnehmen können. So wird die reale Chance auf Beteiligung aller sichergestellt und transparent gestaltet. Das zentrale Anliegen ist dabei die Achtung der Menschenrechte und der Würde aller Beteiligten. Weltweit gibt es etwa 70 Schulen, die nach diesen Prinzipien arbeiten. Alleine in Israel existieren über 25 demokratische Schulen, die zu einem großen Teil staatlich sind.

Was verbirgt sich hinter dem zweiten Aspekt, der Inklusion?

Der pädagogische Begriff der Inklusion impliziert, dass Menschen nicht aufwändig in ein System integriert werden, aus dem sie vorher ausgeschlossen wurden. Stattdessen heißen inklusive Schulen jeden Menschen willkommen. Sie achten die Einzigartigkeit aller Individuen und passen sich den Bedürfnissen des Einzelnen an, anstatt ihn zu einer Anpassung an das System zu drängen. Mit dieser Pädagogik der Vielfalt wird es möglich, jeden Menschen von jeglichem Sonderstatus zu befreien – das gesamte Spektrum menschlicher Heterogenität wird geachtet und geschätzt.

Zwischen beiden pädagogischen Strömungen, der demokratischen und der inklusiven, finden sich deutliche Verknüpfungspunkte. Beide Ansätze sehen Vielfalt auf allen Ebenen als positiv bedeutungsvoll an. Beide bemühen sich um die Überwindung kategorisierenden und linearen Denkens und stellen Möglichkeitsräume für individuelle Lernprozesse in sozialer Gemeinsamkeit als Ausgangspunkt für die Gestaltung einer ‚Schule für alle’ in den Mittelpunkt. In beiden Diskursen wird Schule zu einer aktuellen Praxis, in der jede und jeder selbst gestalten und mitwirken kann – also essentielle Bedeutung hat.

Robert Kruschel (hier vor Haifa, der größten Stadt in Nordisrael) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich „Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik“. (Foto: privat)

Robert Kruschel (hier vor Haifa in Nordisrael) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der „Allgemeinen Rehabilitations- und Integrationspädagogik“. (Foto: privat)

Sie waren mit den Studierenden zwei Wochen lang in Israel unterwegs wo sind Sie überall gewesen?

In der ersten Woche sind wir vor allem in Tel Aviv und Umgebung unterwegs gewesen. Dort besuchten wir einigen demokratische Schulen und konnten uns mit den Anwesenden austauschen. Wir bekamen auch theoretische Einführungen im Seminar Kibbutzim, konnten mit unseren Gastgebern, aber auch mit externen Gästen spannende Diskussionen führen und hatten auch ein wenig Zeit Land und Leute kennenzulernen. Am Ende dieser ersten Woche verbrachten die Studierenden zwei Tage in kleinen Gruppen an jeweils einer demokratischen Schule, um einen tieferen Einblick in das alltägliche Leben zu erhalten.

Nach einem entspannenden Wochenende in einem Kibbutz, einer ländliche Siedlung mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen, die vor allem in Israel typisch sind, reisten wir in der zweiten Woche durch dieses spannende und vielschichtige Land. Wir verbrachten zwei Tage in Jerusalem, wo wir eine weitere Schule besichtigten. Wir wanderten in der Wüste und konnten kurze Zeit auf dem toten Meer liegen. Das Ende der Exkursion bildete schließlich der Besuch einer ehemaligen staatlichen regulären Schule, die sich zu einer demokratischen Schule entwickelte, und ein Treffen mit Yacoov Hecht, dem Gründer der ersten Schule dieser Art in Israel, der uns von seinem persönlichen Werdegang berichtete.

Was war der Anlass Ihrer Reise?

Anlass der Exkursion ist die länderübergreifende fachliche Auseinandersetzung über demokratische und inklusive Praxis und Theorie zwischen Studierenden und Mitarbeitern der MLU und dem Seminar HaKibbutzim, der größten Lehrausbildungsstätte Israels.

Wie kam die Kooperation zustande?

Aus wissenschaftlicher Neugier, was hinter der Bezeichnung ‚demokratische Schule‘ zu verstehen sei, reiste bereits im Jahr 2009 eine Delegation der Universität Halle für zwei Wochen nach Israel und ging diesem Phänomen in vielen Schulbesuchen, Gesprächen und Diskussionen auf die Spur. Ein Jahr später besuchte eine ähnliche Gruppe die internationale Konferenz für demokratischer Bildung (IDEC) in Tel Aviv. In diesen beiden Exkursionen entstanden nicht nur zahlreiche private Kontakte zwischen den Studierenden beider Ländern. Auch auf wissenschaftlicher Ebene wurden Kontakte geknüpft und gepflegt. Um den fachlichen Austausch fortzuführen und weiter auszubauen entschied man sich, diese Verbindung in Form eines offiziellen Kooperationsvertrags auf ein formales Level zu heben.

Was ist das Ziel der Kooperation?

Das primäre Ziel besteht darin den wissenschaftlichen Austausch über demokratische und inklusive Bildung zu stärken, beziehungsweise Synergieeffekte beider pädagogischen Diskurse zu lokalisieren und weiter zu erforschen. So ist die diesjährige Exkursion und der Besuch der Israelis im April als Auftakt einer hoffentlich langjährigen und intensiven Kooperation zu verstehen.

Was ist als nächstes geplant?

Es ist geplant den studentischen Austausch aller zwei Jahre mit neuen Interessenten zu wiederholen, Praktika in den jeweils anderen Ländern zu unterstützen, gegenseitig wissenschaftliche Texte bereit zu stellen und an gemeinsamen Veröffentlichungen zu arbeiten sowie per Internet Mitarbeiter aus den jeweils anderen Ländern auf Videoleinwand in die eigene Ausbildungsstätte kommen zu lassen. Diese Kooperation wird durch zwei Studentinnen, die gegenwärtig ihr Schulpraktikum in Modi’in, in der Nähe von Tel Aviv, absolvieren, bereits praktisch gelebt.

Interview: Corinna Bertz

 

Teil 1 der Serie: Ein neuer Blick auf Bildung – dank Israel

Teil 2: Ein Konzert aus Erfahrungen

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