Der Akademische Senat auf dem Weg zur Leucorea. (Fotos: Maike Glöckner)

Der Akademische Senat auf dem Weg zur Leucorea. (Fotos: Maike Glöckner)

Die Toleranzbilanz

Blasphemie, rituelle Beschneidung und der Islam – spannender hätte man das Thema „Toleranz und Integration“ nicht diskutieren können. Auf der 20. Disputation am Reformationstag in Wittenberg zeigte sich nicht nur das winterliche Wetter der letzten Tage tolerant, auch die Disputanten aus Berlin, Göttingen und Halle blieben trotz unterschiedlicher Meinungen friedlich.

„In den letzten 20 Jahren der Disputation gab es noch nie einen Regenschauer der unsere Talare ernsthaft in Gefahr gebracht hätte“, eröffnete Rektor Udo Sträter die Veranstaltung in Wittenberg. So konnte man auch in diesem Jahr den imposanten Zug des Akademischen Senats vom Alten Rathaus zur Leucorea betrachten. Mit Blick auf das Luther-Themenjahr 2013 „Reformation und Toleranz“ fragten sich die Disputanten, was Toleranz im Kontext der Weltreligionen bedeutet.

Den wohl eindeutigsten Ausdruck von Toleranz können Ingenieure bei Kurbelwellen liefern – er besteht aus Zahlen. Nicht ganz so einfach sollte es für die Disputanten am Nachmittag des Reformationstages werden. Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Gudrum Krämer von der FU Berlin sprach über den Toleranzgedanken in der islamischen Welt und spitzte ihre Aussagen thesenartig zu: „Die historische Bilanz bezüglich der Toleranz ist in der islamischen Welt weitaus besser als in Europa.“ MLU-Historiker Prof. Dr. Andreas Pečar fragte sich daraufhin, ob Europa wirklich ein Beispiel von Intoleranz sei. „Keiner würde behaupten: Ich bin intolerant, und das ist gut so“, konterte Pečar und führte seine Gedanken zum Glauben als eine Meinung und nicht als eine absolute Wahrheit aus.

Das so eine „Meinungsausübung“ stets in einem rechtlichen Rahmen stattfindet, verdeutlichte die Strafrechtlerin Prof. Dr. Christine Langenfeld von der Uni Göttingen. Sie hinterfragte, wie weit die Freiheit seine Religion auszuleben gehen darf und ob rituelle Beschneidung strafbar ist. „Ich kann das nicht nachvollziehen. Rituelle Beschneidung nach ärztlichen Vorgaben sollte nicht unter Strafe gestellt werden.“ Für Langenfeld ist nicht die Frage nach der Ausübung einer Religion ausschlaggebend, sondern die Frage nach der Anerkennung der Grundrechte. „Toleranz ist in den Grundrechten verankert und jeder hat die Grundrechte anzuerkennen“, pflichtete ihr MLU-Politikwissenschaftler Prof. em. Dr. Everhard Holtmann bei.

„Gesetze schützen auch geschmacklose Äußerungen“, erklärt Langenfeld und spielte damit auf die immer wieder verbreiteten Schmähvideos an. Aus der Betrachtung der Blasphemiedebatte hervorgehend, wünscht sie sich eine Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme. Damit stimmte sie Krämer zu, die die Debatte nicht auf ein Missverständnis sondern Unverständnis zurückführte und für „Verstand und Feingefühl“ plädierte. Pečar gab hingegen zu bedenken: „Früher wurde Blasphemie verboten, weil man Gott nicht lästern durfte – heute aus Rücksicht auf religiöse Gefühle. Eine sehr moderne Perspektive.“

Eine mathematische Formel für Toleranz wurde auch an diesem Tag nicht gefunden. Aber Rektor Udo Sträter hatte noch einen guten Hinweis zum Abschluss: „Wenn wir alle nur lange genug nachdenken, sind wir uns im Grunde einig, wir wissen es nur nicht. (Text: Sarah Huke)

Kommentar schreiben

Ihr Kommentar wird schnellstmöglich durch unser Team freigeschaltet.

Kommentar