„Ich wundere mich, wie lange manche Leute ein verstimmtes Klavier ertragen können“, sagt Gerald Seupt, hier bei der Arbeit am Steinway-Flügel in der Aula. (Foto: Michael Deutsch)

„Ich wundere mich, wie lange manche Leute ein verstimmtes Klavier ertragen können“, sagt Gerald Seupt, hier bei der Arbeit am Steinway-Flügel in der Aula. (Foto: Michael Deutsch)

Der Herr über 440 Hertz

Gute Stimmung ist alles. Im Leben wie in der Musik. Bei Gerald Seupt, dem einzigen Klavierstimmer an der Martin-Luther-Universität, stimmt beides. Gründe dafür gibt es mehrere: Der Mann hat ein gutes Gehör, das richtige Gefühl für Töne und Technik und er liebt Musik über alles. Ein Besuch, der die Stimmung hebt.

Johann Sebastian Bach ist immer dabei. „Er bedeutet für mich den Anfang aller Musik“, sagt Gerald Seupt. Und weil das so ist, hat Seupt ein Bild des Musik-Genies an die Giebelwand seines Arbeitszimmers gehängt. Von dort aus scheint der barocke Musikstar jeden Handgriff seines Fans zu verfolgen. Wenn Seupt einen Klavierhocker repariert. Wenn er mit einem neuartigen Filz für die Hammerköpfe von Klavieren experimentiert. Und auch, wenn er sich mit konzentrierter Miene Tonaufnahmen seiner Arbeit anhört.

Gerald Seupt ist der einzige angestellte Klavierstimmer an der Uni Halle. Seit 1985 kümmert er sich um die akademischen Tasteninstrumente, die im Institut für Musik „unter Dauerstress“ stehen. Schließlich, so Seupt, werden sie von Studenten und Mitarbeitern den ganzen Tag bearbeitet. Beinahe täglich müssen sie deshalb auch überprüft, gesäubert und nachgestimmt werden.

Ein unscheinbarer Koffer ist dabei ständiger Begleiter. Ganz gleich, ob Gerald Seupt den Flügel in der Aula oder eines der anderen Tasteninstrumente am Musik-Institut bearbeitet, seine „rollende Werkstatt“ hat er immer dabei. „Darin herrscht Ordnung“, sagt Seupt, während er sich über ein Klavier beugt, und ergänzt: „Was für den Geiger sein Bogen, ist für den Klavierstimmer der Stimmhammer.“ Ihn gibt er ungern aus der Hand. „Er ist für mich fast wie ein Körperteil.“

Zwischen anderthalb und zwei Stunden benötigt er für eine gute Stimmung. Mit dem Kammerton A fängt das Zeremoniell an. Er liegt zwischen 440 und 443 Hertz, je nach Wunsch des Pianisten. Ist das A gefunden, arbeitet sich der Klavierstimmer über Quinten und Quarten, danach von Oktave zu Oktave weiter. „Klavierstimmen ist ein System“, erklärt Seupt mit geschlossenen Augen. Und es ist unabdingbar für den späteren Hörgenuss. „Ich wundere mich, wie lange manche Leute ein verstimmtes Klavier ertragen können.“ Für ihn ist dieser Zustand ebenso unerträglich, wie das Hören hochfrequenter Töne. – Übrigens ein Grund, warum er zu Hause kein Geschirr abtrocknen mag. „Das hohe Klappern macht mich wahnsinnig.“

Das Wichtigste beim Stimmen sind für ihn eine ausgeglichene Seele und sein Gehör. „Ich schalte total ab“, meint der 59-Jährige, der in diesen Situationen gern allein ist, um die Akustik des Raums aufnehmen zu können. Sein Lieblingsinstrument an der Uni? Da muss er nicht lange überlegen: Der Steinway-Flügel in der Aula. „Ein Höhepunkt“ ist es, wenn er ihn vor einem Konzert stimmen darf. „Während der Veranstaltung bin ich oft aufgeregt und gespannt, wie sich das Instrument verhält“, sagt Seupt. Bisher seien die Musiker stets mit seiner Stimmung zufrieden gewesen. Die Swing-Legende Paul Kuhn gehörte ebenso dazu wie die Band von Charlie Mariano und auch das Klassik-Talent Lars Vogt.

Gute Stimmung auch nach Feierabend

Um seine Arbeit gut machen zu können, taucht Gerald Seupt tief ein in das Innenleben der Instrumente. Seine Überzeugung: Nur wer versteht, was drinnen passiert, kann den Job gut machen. Davon zeugen in seiner Werkstatt unzählige mechanische Modelle mit denen er experimentiert und die er im Rahmen einer Lehrveranstaltung auch den Studenten näher bringt. Er steht im Austausch mit Berufskollegen im Ausland, zum Beispiel an der Musikhochschule in Paris und er bildet sich weiter, zuletzt in Wien bei der Firma Bösendorfer, einem führenden Hersteller von Tasteninstrumenten. „Die moderne Technik zieht auch auf dem Klaviermarkt ein. Davor darf man sich nicht verschließen“, sagt Seupt selbstbewusst. Denn trotz allem ist er sich sicher, dass Neuerungen wie das elektronische Klavier nicht seinen Beruf gefährden.

Der musikbegeisterte Hallenser mit den geschickten Fingern liebt seinen Job über alles. Schon sehr früh sei klar gewesen, dass er „irgendwas mit Musik und Handwerk“ machen wollte. Doch in Halle-Neustadt, wo er aufwuchs, war das nicht so einfach. „Alles war auf die Chemie ausgerichtet. Das war nicht meine Welt.“ Mit Beharrlichkeit setzte er sich durch. Bei der Chemnitzer Pianounion ergatterte er eine der raren Lehrstellen als Mechaniker für Tasteninstrumente, Fachrichtung Klavierstimmen und Reparaturen. Ein Glücksfall, selbst, wenn er anfangs Klaviere im Akkord montieren musste. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit – zu DDR-Zeiten ein Unding – kam er zur Musikschule. Möglich wurde das durch die damals übliche Vermittlung für Rehabilitanden, denn Gerald Seupt hat einen Sehfehler. Seinen Einstieg an der Uni hält er für einen weiteren Glücksfall, auch weil er seither zu den Studenten einen guten Draht hat.

Auch nach Feierabend spielt die Musik für ihn eine große Rolle. „Sie bedeutet totale Entspannung“, sagt er und zählt seine Favoriten auf: Allen voran Johann Sebastian Bach und sein „Wohltemperiertes Klavier“. Das ist „das Maß aller Dinge, bei dem ich aus dem Alltag entschweben kann.“

Aber auch Beethoven, Haydn und Schumann rufen bei Seupt Begeisterung hervor. Nicht zu vergessen Keith Jarrett und die Beatles. Die Liste ist lang. Und sie enthält auch den Namen seiner Frau. Die ist – wie sollte es anders sein – Pianistin von Beruf. Seupt: „Wir haben absolut die gleiche Wellenlänge.“ Und wenn die Klaviere an der Uni gut gestimmt sind, dann könnte die Stimmung zu Hause nicht besser sein. Ines Godazgar

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