(Foto: Jakub Krechowicz / Fotolia)

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Junges Herz und graue Haare

Wie altert das Herz? Lässt sich sein Alterungsprozess verlangsamen? Kardiologen der MLU gehen diesen Fragen in einer Studie über den Prozess der Herzalterung nach. Die Besonderheit der „Anti-CardAgeing Studie“ liegt in ihrem präventiven Ansatz: Die Mediziner arbeiten ausschließlich mit herzgesunden Probanden. Die klinische Studie läuft seit bald zweieinhalb Jahren und wird an der Medizinischen Fakultät mit molekularbiologischer Grundlagenforschung verbunden.

Das Herz ist das einzige Organ, an dem man das Alter eines Menschen messen kann, ohne dass ein körperlicher Eingriff notwendig ist. Denn unser Herzschlag verändert sich mit steigendem Alter: „Die Zahl der Herzschläge bleibt zwar ungefähr gleich, aber die Variabilität der Herzfrequenz sinkt. Unser Herz wird starrer“, erklärt die Kardiologin Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan. Je älter wir werden, desto schwerer fällt es unserem Herz, sich schnell und flexibel an körperliche Erfordernisse anzupassen. Seine Leistungsreserve nimmt ab, das Organ kann mit einem Herzschlag weniger Blut durch unsere Adern pumpen und wir geraten beim Treppensteigen leichter außer Atem.

Mit der „Anti-CardAgeing Studie“ wollen die halleschen Mediziner prüfen, wie die Alterungsprozesse im Herzen mit den Alterungsprozessen des Immunsystems zusammenhängen. „Dieser Fragestellung mithilfe von gesunden Probanden nachzugehen – das ist bislang einmalig“, sagt Projektleiterin Müller-Werdan. Die These der Forscher: Die Herzalterung wird durch das natürliche Altern des Immunsystems beschleunigt. Das hieße umgekehrt, „dass eine Senkung der Entzündungslast im Körper die physiologische Herzalterung aufhalten kann.“ Zwei Maßnahmen sollen den Alterungsprozess bei der Hälfte der Probanden verlangsamen: Sportlichen Aktivitäten und die Einnahme eines Cholesterinsenkers in Tablettenform. Das Fettsenkungsmittel wird seit mehr als zehn Jahren eingesetzt, um beispielsweise bei Herzinfarkt-Patienten einem weiteren Infarkt vorzubeugen.

Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan (Foto: UKH)

Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan (Foto: UKH)

Hat bislang der kranke Mensch im Mittelpunkt der medizinischen Bemühungen gestanden, so zeichnet sich im 21. Jahrhundert ein Zukunftstrend in Richtung Präventivmedizin ab. Schon heute gibt es Studien über den vorbeugenden Einsatz von Medizin. Bislang wird jedoch meist primär-präventiv geforscht, d.h. um das Auftreten einer Erkrankung z. B. durch Tabletteneinnahme zu vermeiden. „Wir wollen hingegen dem natürlichen Herzalterungsprozess vorgreifen“, sagt Ursula Müller-Werdan. Dabei bestand die Herausforderung für die Kardiologen zunächst darin, ideal Herzgesunde im Alter von 60 bis 75 Jahren zu finden, die bislang möglichst wenig Sport getrieben haben. Neue Probanden müssen zunächst ein umfangreiches Untersuchungsprogramms absolvieren.

Unterstützt werden die Mediziner dabei durch das Koordinierungzentrum für Klinische Studien Halle (KKSH) sowie durch die Ethik-Kommission der MLU, welche die Studie beratend begleitet. „Ohne das KKSH könnten wir diese Studie nicht durchführen. Durch das Zentrum ist gewährleistet, dass der Prüfarzt keinerlei Einfluss auf die Randomisierung nehmen kann.“ Das KKSH übernimmt auch einen Großteil der Verwaltung und Auswertung.

Die Studie wurde zudem über anderthalb Jahre von der Deutschen Stiftung für Herzforschung finanziell gefördert, sowie durch das Wilhelm-Roux-Programm zur Nachwuchs- und Forschungsförderung an der Medizinischen Fakultät unterstützt. Ihre Arbeitshypothese prüfen die Forscher nicht allein mithilfe der Probanden, sondern auch auf molekularbiologischer Ebene: Das Projekt ist Teil eines größer angelegten translationalen Forschungsansatzes, in dem dieselbe These von einer durch die Alterung des Immunsystems beschleunigten Organalterung durch vorklinische Forschung und durch die klinische Studie zugleich geprüft wird.

In Teilprojekten erforschen die MLU-Professoren Udo Klöckner, Henning Ebelt und Ursula Müller-Werdan sowie der Dekan der Fakultät, Prof. Dr. Michael Gekle, inwieweit Entzündungsprozesse die Herzfrequenz verändern können. Sie konnten bereits zeigen, dass mit inneren Entzündungsreaktionen eine sinkende Variabilität der Herzfrequenz einhergeht. Die klinische Studie soll die Forscher bei ihren molekularbiologischen Untersuchungen ebenfalls voran bringen: „Wir werden auch die Entzündungsmarker im Blut der Probanden messen und auswerten“, so Müller-Werdan.

Zwei Jahre, nachdem der letzte Proband seine Einschlussuntersuchung absolviert hat, werden die Ergebnisse vorliegen. Corinna Bertz

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