Rector Udo Sträter welcomes the descendants before the ceremony.
Rector Udo Sträter welcomes the descendants before the ceremony.

Die Nachfahren kamen zum Gedenken nach Halle

Mindestens 43 Hochschullehrer wurden während des Dritten Reichs aus dem Dienst der Universität entlassen. Jetzt kamen Kinder und Enkel zu einem Gedenkakt nach Halle.

Es passiert eher selten, dass Stille einen Raum dominiert, wenn darin viele Menschen versammelt sind. Der Nachmittag des 27. November war so ein Moment. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula des Löwengebäudes waren Gäste und Studenten, aber auch Mitarbeiter und Projektbeteiligte zusammengekommen, um der im Dritten Reich aus der Universität ausgeschlossenen Hochschullehrer zu gedenken, unter den Anwesenden auch 22 Nachfahren damals entlassener hallescher Akademiker. Sie waren aus unterschiedlichen Gegenden Deutschlands, und auch aus den USA und Israel angereist.

Nach einer Begrüßung durch Rektor Prof. Dr. Udo Sträter wandte sich der Sohn des früheren halleschen Rechtshistorikers Alexander Kisch an das Auditorium. „Ich bin außerordentlich dankbar, an der Veranstaltung in meiner Geburtsstadt Halle und an der Uni, an der mein Vater tätig war, teilnehmen zu dürfen“, sagte der 83-Jährige, der in New York lebt. Diese Universität sei die geistige Heimat seines Vaters gewesen. „Die heutige Veranstaltung wäre in seinem Sinne gewesen. Ich bin deshalb froh, ihn heute hier vertreten zu dürfen“, so Kisch. Sein Vater, Prof. Guido Kisch, wurde nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im Jahr 1933 aus dem Dienst entlassen. Zwei Jahre später emigrierte er mit Frau und Sohn in die Vereinigten Staaten.

Die historischen Ereignisse und ihre Folgen ordnete der renommierte Wissenschaftshistoriker Prof. Rüdiger vom Bruch aus Berlin in einem Gedenkvortrag ein. „Noch bis in die 1990er Jahre hinein verstand man das Dritte Reich als etwas, das über Institutionen wie den Wissenschaftsbetrieb hereingebrochen sei“, sagte vom Bruch. Diese Auffassung habe sich erst allmählich geändert. „Wie war es möglich, dass eine Nation fast ein Fünftel ihrer akademischen Elite verlor und wieso rief dieser Prozess an den Universitäten keine breiten Proteste hervor?“, fragte er.

Für den wohl bewegendsten Moment der Veranstaltung sorgte John F. Rothmann, Sohn des jüdischen Mediziners Dr. Hans Rothmann, der später ebenfalls in die USA emigrierte. Sichtlich bewegt und mit teils stockender Stimme wandte sich John F. Rothmann an die Gäste der Veranstaltung: „Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass diese Ereignisse nicht vergessen werden. Für diese und für künftige Generationen.“

Bereits vor der offiziellen Gedenkfeier waren Rothmann und die anderen Angehörigen im Sessionssaal des Löwengebäudes zusammengekommen. Dort erhielten sie aus den Händen von Rektor Prof. Dr. Udo Sträter und Dr. Friedemann Stengel, dem Leiter der Kommission zur Aufarbeitung des damals geschehenen Unrechts, jeweils ein noch druckfrisches Exemplar einer Gedenkschrift mit dem Titel „Ausgeschlossen.“, die in diesen Tagen zum Thema erschienen ist.

Die drei Töchter des einstigen halleschen Hochschullehrers und Mediziners Ernst Wertheimer (Foto: Maike Glöckner)

Die drei Töchter des einstigen halleschen Hochschullehrers und Mediziners Ernst Wertheimer (Foto: Maike Glöckner)

„Es ist nicht zu spät, an dieses Unrecht zu erinnern“, sagte Prof. Ada Goldfarb, die gemeinsam mit ihren Schwestern nach Halle gekommen war. Die drei Frauen leben in Jerusalem und sind die Töchter des einstigen halleschen Hochschullehrers Ernst Wertheimer. Der jüdische Mediziner siedelte gemeinsam mit seiner Frau Ruth, einer gebürtigen Hallenserin, im Sommer 1934 nach Israel über. „Unser Vater hat nie über die Zeit der Vertreibung gesprochen, ich glaube, das wäre für ihn zu schmerzhaft gewesen“, so Ada Goldfarb. Gemeinsam mit ihren Schwestern Prof. Dorrit Nitzan und Prof. Ayala Abrahamov begab sie sich in Halle auf die Spuren ihrer Eltern. Sie besuchte deren einstiges Wohnhaus und sie sah im Universitätsarchiv die Personalakte ihres Vaters ein. „Nachdem wir all diese Orte gesehen haben, fühlen wir eine große Nähe zu unseren Eltern.“ Ines Godazgar

Nachtrag:

Über seine Reise nach Halle und den Gedenkakt schreibt John Rothman, Sohn des Physiker-Professors Hans Rothman, ausführlich auf der Webseite der Wochenzeitung „J. the Jewish news weekly of Northern California“.

 

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