„Behandlung“ hinter Gittern – wie im Knast

Ein dünner Band aus einem kleinen mitteldeutschen Verlag, ein Sachbuch – und nach drei Wochen ist es ausverkauft! Das kommt nicht oft vor und ist in diesem Fall ein Indiz für die Brisanz des spät erst aufgegriffenen Themas.

Bereits die Präsentation der Forschungsarbeit von Florian Steger und Maximilian Schochow – dazu las Stadtschreiberin Juliane Blech aus dem Buch – im September 2014 im überfüllten Stadthaussaal war ein eindrucksvolles Ereignis, das Interesse der Hallenser unerwartet groß. Kurz darauf kündigte der Mitteldeutsche Verlag eine Fragestunde für Journalisten auf der Frankfurter Buchmesse und zugleich die zweite Auflage an.

Das Buch erscheint im Januar 2015 in der dritten Auflage.

Das Buch erscheint im Januar 2015 in der dritten Auflage.

Die Autoren – der Direktor und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Martin-Luther-Universität – haben den Finger in eine lange schwärende Wunde hallescher Medizingeschichte gelegt: die sogenannte „Tripperburg“.

Offiziell als „geschlossene Venerologische Station in der Poliklinik Mitte“ (die am 1. Januar 1961 in einem umgebauten Renaissancegebäude in der Großen Klausstraße 16 ihren Betrieb aufnahm) geführt, handelte es sich doch um keine übliche Einrichtung medizinischer Vor- und Fürsorge des DDR-Gesundheitswesens, sondern um einen vielfach in politische Repressionsmaßnahmen verstrickten, exemplarischen Schreckensort, in den über 20 Jahre lang Frauen jedes Alters (sogar 12-jährige Mädchen, die bis dato noch nie näheren Kontakt zu Männern hatten) zwangsweise eingewiesen wurden.

1982 schloss jene im Jahr des Mauerbaus eröffnete Abteilung (zu der „normale“ Patienten der ambulanten poliklinischen Praxen keinen Zugang hatten, ja teils nicht einmal von ihrer Existenz wussten) ihre Pforten. 30 Jahre danach begannen – angestoßen durch Heidi Bohleys (vom Verein Zeit-Geschichte[n] e. V.) seitens der Mitteldeutschen Zeitung und des Mitteldeutschen Rundfunks unterstützte Initiative – hiesige Medizinhistoriker mit der Erforschung ihrer Geschichte.

Sie recherchierten in Archiven, führten intensive Gespräche und Interviews mit ehemaligen Patientinnen und, soweit Bereitschaft dazu bestand, mit dort beschäftigten Ärzten und medizinischem Personal. So gelang eine ausführliche und weitgehend lückenlose Rekonstruktion der in ihrer Gesamtheit unglaublichen und in etlichen Details barbarischen Geschehnisse in der „Tripperburg“.

Autor Prof. Dr. Florian Steger (Foto: Maike Glöckner)

Autor Prof. Dr. Florian Steger (Foto: Maike Glöckner)

Eingangs wird die in der Nachkriegszeit (in allen Besatzungszonen) wachsende Zahl von Frauen und Mädchen betrachtet, die als verwahrlost galten und unter Geschlechtskrankheiten litten. Sie zu erfassen (in der SBZ durch die SMAD-Befehle Nr. 25, Nr. 030 und Nr. 273 von 1945 bis 1947) und medizinisch zu betreuen, war damals eine objektive Notwendigkeit; viel später erst, quasi parallel zu politisch opponierenden Bestrebungen im Lande, nahm das Ganze pervertierte Formen an.

Die organisatorische Vorbereitung und Einrichtung der geschlossenen Station – in der anfangs auch Männer untergebracht waren – oblag dem Ärztlichen Direktor der Poliklinik Mitte OMR Gerd Münx, meist als „Tyrann“ charakterisiert (viele Zitate aus [anomymisierten] Interviews belegen dies). Er war es auch, der auf der Basis der vergleichsweise moderaten „Hausordnung für die geschlossene Abteilung der Hautklinik der Medizinischen Akademie Erfurt“ eine solche mit weitaus schärferen Weisungen für „sein Reich“ entwarf, in Kraft setzen und über ihre strikte Einhaltung wachen ließ. Schon die Präambel zeigt, dass für ihn ideologische Gehirnwäsche gegenüber medizinischen Aspekten wichtiger war.

Für manche der schutzlosen Patientinnen war es ein Lichtblick, dass sie nicht nur solchen wie G. M. und der sadistischen „Kurbeldora“ ausgeliefert waren. Es gab auch Menschen wie Dermatologin Dr. R. D., Hautarzt Dr. Manfred Narwutsch oder Schwester L. Vor brutalsten gynäkologischen „Untersuchungen“, gewaltsamer Verabreichung von Medikamenten und entwürdigenden Strafen indes vermochten sie die Insassinnen nicht zu bewahrten.

Florian Steger diagnostiziert ein „hierarchisches Terrorsystem“, in dem selbst „geltendes DDR-Recht mit Füßen getreten [wurde]“. Das vorliegende Buch sieht er als Anfang an; vergleichbare Einrichtungen in anderen Städten der DDR sollen ebenso untersucht werden – und eine Antwort auf die schwierige Frage möglicher Entschädigung wird gesucht. Margarete Wein

► Florian Steger/Maximilian Schochow: Disziplinierung durch Medizin. Die geschlossene Venerologische Station in der Poliklinik Mitte in Halle (Saale) 1961 bis 1982 (Sonderband der Studienreihe der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt), 1. u. 2. Aufl. Halle 2014, 3. Auflage im Januar 2015, 184 S., 10 s/w-Abbildungen u. Faksimiles, 12,95 Euro, ISBN 978-3-95462-351-8

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Kommentare [ 4 ]

1 Corinna Bertz schrieb am 05.04.2017 um 16:13

Lieber Herr Greunke, diese Frage können wir leider nicht beantworten. Mit bestem Gruß, Corinna Bertz

2 H. Greunke schrieb am 03.04.2017 um 11:00

Handelt es sich bei Dr. Gerd Münx, der heute als Hautarzt in Halle tätig ist, um denselben Münx, der als OMR in der Tripperburg gearbeitet hat?

3 Prof.Dr.Schubert schrieb am 22.03.2017 um 17:23

Ich habe die Geschlossene Station der Hautklinik Erfurt wenige Monate nach meinem Dienstantritt im April 1971 aufgelöst und die verdächtigen Mädchen und Frauen - wie Männer auch - auf den Normalstationen oder ambulant untersuchen und behandeln lassen. Dabei gab es kaum Schwierigkeiten.

4 Rode schrieb am 14.09.2016 um 18:59

ich bin von diesem Buch enttäuscht, hatte etwas Besseres erwartet. Die Satzstellungen sind z.T. wie von Kind geschrieben, dazu die vielen Abk. (,,,,) G.M. usw. wer soll sich da durchforsten ?

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