Im größten Lichthof des Gebäudes führt eine Treppe zu den vier Etagen voller Bücherregale. (Foto: Markus Scholz)
Im größten Lichthof des Gebäudes führt eine Treppe zu den vier Etagen voller Bücherregale. (Foto: Markus Scholz)

Der Bücher- Kubus

Im Februar beziehen Anglisten, Germanisten, Romanisten und Slawisten als Erste den Steintor-Campus. Ab Juli sollen weitere Institute und die Zweigbibliotheken der Universitäts-und Landesbibliothek (ULB) folgen. Die Bibliothek mit den gelben Ziegeln prägt das Bild vom neuen Campus. Der Blick ins Innere des fast 18 Meter hohen Kubus offenbart viel Tageslicht, helles Holz und Arbeitsplätze, die wie Balkone in zwei Lichthöfe hineinragen.

Das Gebäude an der Ecke Ludwig-Wucherer-/Emil-Abderhalden-Straße ist von der Straßenseite und über einen zweiten, zum Campus-Innenhof gelegenen Eingang erreichbar. Wer die Bibliothek betritt, gelangt durch den Eingangsbereich mit Infotresen in den größten von insgesamt drei Lichthöfen. Selbst an grautrüben Wintertagen sorgt hier das schräge Glasdach bis in die unteren Ebenen für Helligkeit. Über dem Glas sind Lamellen angebracht, die sich bei zu viel Sonnenlicht automatisch neigen, um Schatten zu spenden und zugleich Wärme abzuwehren. Ein hinter hellem Holz verstecktes Lüftungssystem sorgt im Sommer zusätzlich für das richtige Klima.

Ein Novum ist die Beleuchtung bei Nacht: Als erstes Gebäude der Universität Halle ist die Bibliothek komplett mit LED-Lampen ausgestattet. „Niemand wird den Eindruck haben, dass es hier zu dunkel ist“, sagt Projektleiter Alexander Keck. Weiße Treppen und Stege führen vom Erdgeschoss zu den vier Etagen voller Bücherregale. Als Pfeiler sollen die Bücher, so die Idee der Architekten, optisch das ganze Gebäude tragen.

Dort wo die Bücherreihen an der Ost- und Westseite des Baus enden, schließen sich zwei weitere Lichthöfe an: Gruppen- und Einzelarbeitsplätze sind unter dem hohen Glasdach wie Balkone über mehrere Etagen versetzt angebracht. Diese beiden Bereiche mit insgesamt 155 Arbeitsplätzen werden durch die Bücherregale im Mittelteil akustisch voneinander getrennt. Noch sind die Regale leer und die Buchungsterminals in Plastikfolie gehüllt. Doch viel ist nicht mehr zu tun, bevor Dr. Dorothea Sommer und ihre Mitarbeiterinnen die insgesamt 800.000 Bücher aus den sieben Zweigbibliotheken in den Neubau einsortieren können.

Der größte Bücherumzug der ULB

Der Vorteil liegt auf der Hand: Anstatt sich Literatur in den verschiedenen Bibliotheken, die über die ganze Stadt verteilt sind, zusammensuchen zu müssen, werden bald fast alle Bücher in einer vereint: „80 Prozent der geistes- und sozialwissenschaftlichen Bestände aus den Zweigbibliotheken werden in der Freihandbibliothek vor Ort zugänglich sein“, verspricht die Amtierende Direktorin der ULB. Ältere Bestände aus der Zeit von 1870 bis 1945 und Sonderbestände sollen in dem im Gebäude befindlichen Kompaktmagazin gelagert werden. Historische Bücher aus der Zeit vor 1850 werden in das Außenmagazin der ULB verlagert und können künftig im Lesesaal der Zentralen Bibliothek konsultiert werden.

Über 80 Umzüge hat Sommer in den vergangenen Jahren im Zuge von Zentralisierungsmaßnahmen schon mit diversen Bibliotheksbeständen bewältigt. „Aber das hier ist der größte“, sagt sie. Eine logistische Mammutaufgabe, die seit Jahren vorbereitet wird. Bereits lange vor dem Umzug mussten die Buch- und Zeitschriftenbestände abgeglichen, retrokatalogisiert, ausgemessen und der Belegungsplan entworfen werden, der die neuen Standorte jedes Buches ausweisen soll.

Ende Juli soll der eigentliche Bücherumzug beginnen. Am liebsten würde die ULB-Direktorin noch früher in den Neubau, um für die komplexe Aufgabe mehr Vorbereitungszeit und Platz für notwendige Sortierarbeiten zu haben und dann zum Herbstsemester mit einem funktionierenden Betrieb öffnen zu können.

Eine Bibliothek, die neue Standards setzt

Selbst wenn die Bücher im Wintersemester 2015/16 schließlich in der neuen Bibliothek stehen, ist die Einrichtung der neuen Bibliothek noch nicht abgeschlossen: Denn wenn künftig ein Buch am neuen Standort zum ersten Mal ausgeliehen und anschließend wieder zurückgegeben wird, kommt es nicht sofort wieder zurück ins Regal, sondern erhält eine neue Signatur nach der Regensburger Verbundklassifikation.

„Auf diese Weise werden wir die disparaten historisch gewachsenen und sich fachlich überschneidenden Klassifikationen in den Zweigbibliotheken allmählich ablösen und in eine einheitliche und auch in anderen deutschen Bibliotheken erprobte fachlich gegliederte Aufstellungssystematik für Freihandbibliotheken überführen“, erläutert ULB-Direktorin Sommer. Auch in andere Hinsicht werden in dem Bibliotheksbau neue Standards gesetzt: Erstmals können Studierende an Buchungsterminals ihre Bücher selbst ausleihen.

Über Infoterminals werden sich die Nutzer zudem auf jeder Etage darüber informieren können, wo sich ein Buch befindet. Die Zusammenarbeit der Bibliotheksmitarbeiter wird sich ebenfalls neu gestalten: Statt allein oder zu zweit arbeiten die 15 Bibliotheksmitarbeiter demnächst enger zusammen. Dazu seien Prozesse der Teambildung geplant. „Manche Mitarbeiter verfügen über spezielle Kenntnisse – beispielsweise bestimmte Sprachkenntnisse – und diese werden bei der Buchbearbeitung künftig auch besonders berücksichtigt“, sagt Sommer. Corinna Bertz

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