Seit 2011 gehört die ehemalige Grenzanlage in Hötensleben zum "Europäischen Kulturerbe". (Foto: HALESMA)

"Grenzenlos": Medienstudenten starten multimediales Nachwende-Portal

Das Ende der DDR kam für viele ihrer Bürger überraschend. Innerhalb kürzester Zeit brachen komplette Arbeitsfelder weg, Betriebe lösten sich auf und Lebensentwürfe gerieten ins Wanken. Wie die Menschen in Sachsen-Anhalt die Zeit nach der Wende erlebt haben, dokumentiert ein neues multimediales Portal hallescher Medienstudenten.

Die Biografien von Lutz Schülbe und Frank Mühe könnten unterschiedlicher kaum sein: Schülbe ist den fußballaffinen Hallensern sicherlich ein Begriff – von 1985 an spielte er bis zu seinem Karriereende 1992 beim Halleschen FC und verhalf der Elf als Kapitän zum Aufstieg in die zweite Liga. Obwohl er nach der Wende viele lukrative Angebote von internationalen Fußballvereinen bekam, hielt Schülbe Halle die Treue, der Familie wegen. Heute arbeitet der ehemalige Fußballer als Versicherungsmakler und ehrenamtlich als Präsident des Sportvereins BSV Halle-Ammendorf. Frank Mühe hingegen, ein gebürtiger Niedersachse, brach sein Medizinstudium ab, um Anfang der 1990er Jahre in Magdeburg ein HiFi-Geschäft zu eröffnen – das erste seiner Art in Magdeburg. In den Folgejahren entwickelte sich der Laden zum Szenetreffpunkt elektronischer Musik und Mühe stieg eher zufällig zu einer schillernden Gestalt der Magdeburger Clubszene auf.

Ein Jahr haben die 14 Medienstudierenden an dem Projekt gearbeitet. (Foto: Grenzenlos)

Ein Jahr haben die 14 Medienstudierenden an dem Projekt gearbeitet. (Foto: HALESMA)

Es sind persönliche Geschichten wie die von Lutz Schülbe und Frank Mühe, die auf der Website „grenzenlos – Wege nach der Wende“ in Bildern, Texten, Videos und interaktiven Slideshows dargestellt sind. Ein Jahr Arbeit steckt in dem Projekt, das die 14 Studierenden des Masterstudiengangs Multimedia & Autorschaft gestern im Mitteldeutschen Multimediazentrum vorgestellt haben. „Im vergangenen Sommersemester haben die Studierenden das Projekt konzipiert und geplant, im Wintersemester ging es dann an die praktische Umsetzung“, sagt Studiengangsleiterin Maren Schuster.

Neben Texten, Grafiken und Bildern sind auch Videos auf der Plattform zu sehen.

Neben Texten, Grafiken und Bildern sind auch Videos auf der Plattform zu sehen.

Archivrecherche, Interviewanfragen, Videodrehs und die Entwicklung einer eigenen Website – das alles haben die Masterstudenten seit Oktober eigenverantwortlich organisiert. Christina Brause ist eine von ihnen. Sie war außerdem für die Projektkoordination verantwortlich. „Unsere Seite besteht aus sechs Kapiteln, die übergeordnete Themen aufgreifen“, erklärt Brause den Aufbau der Seite. Das sind Wissen, Leben, Karriere, Macht, Verlust und Zukunft. Hinter jedem Thema steht die Biographie einer Person, die „exemplarisch für die Zeit und viele weitere Schicksale steht“, wie Brause sagt. Neben persönlichen Schilderungen und Bildern werden die Erzählungen durch zahlreiche Hintergrundinformationen ergänzt. So wird etwa die Entwicklung des Magdeburger Wohnungsmarkts in einer Grafik dargestellt. Die Arbeit der Treuhandanstalt, die nach dem Ende der DDR die volkseigenen Betriebe wenn möglich privatisieren sollte, wird auf einem interaktiven Zeitstrahl illustriert. „So soll dem Nutzer ein umfassendes Bild der Zeit nach der Wende vermittelt werden“, so Brause. Eine Mischung aus persönlichen Geschichten und Fakten also.

Die Idee, sich mit dem Sachsen-Anhalt der 1990er Jahre zu befassen, entstand aus einer Art blinden Fleck, wie Maren Schuster erklärt: „Die Zeit vor und während der Wende ist medial sehr präsent und gut dokumentiert. Für die Jahre nach der Wende gilt das eher weniger.“ Mit dem Launch der Website ist das Projekt vorerst abgeschlossen. Auf dem Mitmachportal „MZ Bürgerreporter“, über das die Studenten auch nach Zeitzeugen gesucht hatten, kann aber weiter diskutiert werden. Tom Leonhardt

 

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