In memoriam Johannes Mehlig

Am 26. September 2015 ist mit Johannes Mehlig ein bedeutender Gelehrter und begeisterter Hochschullehrer, aber auch ein streitbarer Geist für akademische Freiheit und für den Wahrheitsanspruch der Wissenschaft verstorben. Die Universität verliert mit ihm den Protagonisten der Hochschulerneuerung schlechthin, der allen beharrenden Tendenzen entgegengetreten ist und sich mit großem Einsatz dafür engagiert hat, dass im Zuge der friedlichen Revolution insbesondere eine personelle Erneuerung an der Universität durchgesetzt wurde.

(Prof. Dr. Johannes Mehlich, Foto: Heinrichsdorff)

Prof. Dr. Johannes Mehlig (Foto: Heinrichsdorff)

Johannes Mehlig galt bis zu seiner 1992 erfolgten Berufung zum Universitätsprofessor für Indische Philologie und Altertumskunde als „Deutschlands dienstältester Universitätsassistent“, da er sich „in der Anpassungsdiktatur der DDR eine eigene Meinung leistete“, wie Kurt Reumann in der FAZ vom 8. Juli 2003 aus Anlass seines 75. Geburtstags treffend schrieb, und woran Hartmut Schiedermair in seinem dem Jubilar in Halle damals dargebrachten Geburtstagsgruß erinnert hatte.

Bei aller Tragik, die sich für sein berufliches Schicksal damit verband, ergab sich aus den ihm widerfahrenen Repressalien in ungeplanter Weise dann aber doch ein erheblicher Gewinn für die Wissenschaft und damit einhergehend auch für die Rezeption altindischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Denn als Wissenschaftler hatte Johannes Mehlig sich dem Fach Indologie verschrieben und sich in Halle „Über die Geschichte und Genesis des altindischen Ordals“ habilitiert (1965). Zwölf Jahre zuvor (1953) hatte sein ehemaliger Lehrer Paul Thieme Halle verlassen und war mehreren Rufen an westdeutsche (Frankfurt/M. und Tübingen) sowie an amerikanische (Yale) Universitäten gefolgt.

Wie Thieme selbst, der für seine bahnbrechenden Arbeiten im Jahre 1989 den Kyoto-Preis, das geisteswissenschaftliche Pendant zum Nobelpreis erhielt, fanden sich bereits unter dessen Vorgängern hochkarätige Indologen mit bis heute ungebrochen internationaler Reputation, wie etwa Richard Pischel, der auch als Rektor in Halle wirkte, oder Eugen Hultzsch. Sie alle hatten ihr Lebenswerk schwerpunktmäßig der Erforschung der Hochkultur des Alten Indien mit Methoden philologischer Quellenanalysen gewidmet.

Nach Thiemes Weggang blieb sein Lehrstuhl vakant, und in diesem Vakuum fand sich Johannes Mehlig als Letzter seiner Zunft in der Eigenschaft eines Universitätsassistenten perennis wieder, da ihm der Aufstieg in ein Professorenamt aufgrund politischer Unzuverlässigkeit versagt blieb. In den mehr als zwei Jahrzehnten, die zwischen der Verleihung der venia legendi (1965) und seiner späten Berufung (1992) auf den nach der Wende wiedergegründeten indologischen Lehrstuhl lagen, hatte Mehlig in den Räumen der Universitätsbibliothek Halle in stiller Arbeit eine Reihe wertvoller Arbeiten vorbereitet.

Sie konnten aber erst veröffentlicht werden, nachdem das ihm auferlegte Publikationsverbot aus Gründen einer dringend erforderlichen Devisenbeschaffung zurückgenommen worden war. Seit der so eingetretenen Öffnung für den verlegerischen Markt verbindet man mit dem Namen Mehlig vor allem eine fruchtbare Übersetzungstätigkeit. Seine Übertragungen altindischer Werke zeichnen sich durch ihre Verbindung von philologischer Präzision und gehobenem Sprachstil aus, was sie einem erweiterten Publikum in lesbarer Form zugänglich macht und so ihrer besseren Rezeption zugute kommt.

Besonders hervorgehoben zu werden verdienen hierbei Mehligs verdeutschte und kommentierte Sammlung des lyrischen und dramatischen Werks des großen indischen Dichters Kālidāsa (Leipzig 1983), seine knapp 1400 Seiten umfassende, zweibändige Übersetzungsanthologie von philosophischen und Weisheitstexten vorbuddhistischer und buddhistischer Herkunft („Weisheit des alten Indien“, München 1987) sowie die deutsche Erstübersetzung des gewaltigen Erzählwerks Somadevas, eines der begnadetsten Meisterdichter des Sanskrit („Ozean der Erzählungsströme“, Leipzig 1991). Letzteres erschien ebenfalls in zwei Bänden und umfaßt knapp 2000 Seiten.

Johannes Mehligs in renommierten Verlagen veröffentlichte Übersetzungen, die in ihrer Vermittlerfunktion zwischen den Kulturen Asiens und Europas einen hohen Stellenwert beanspruchen können und deren bleibender Wert gewiß ist, fanden ihre verdiente Würdigung schließlich in der Verleihung des „Friedrich-Rückert-Preises“ (1995) sowie in dem ihm in Anerkennung seiner indologischen Verdienste von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig verliehenen „Friedrich-Weller-Preis“ (1998).

Seinem auch unter widrigsten Bedingungen ungebrochenen Arbeitsethos als Philologe und seiner unermüdlichen Hingabe an die Hebung der kulturellen und literarischen Schätze Indiens war es zu verdanken, dass das in Halle nach der friedlichen Revolution neu etablierte Fach Indologie international wieder aufschließen und wissenschaftlich auf Augenhöhe wahrgenommen werden konnte. Ohne die von Johannes Mehlig gelegten Grundlagen wäre keine einzige der seither in Halle erbrachten wissenschaftlichen Leistungen je zu realisieren gewesen.

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Kommentare [ 2 ]

1 Constanze Wandt-Ptasczynski schrieb am 01.03.2016 um 18:48

Herr Prof. Mehlig hat sich für die (Wieder-)Gründung des Seminars für Judaistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in der Nachwendezeit - konkret zum Wintersemester 1992/93 - eingesetzt. Er hat bei der Eröffnungsveranstaltung des Seminars - in den damaligen Räumen des Institutes in der Emil-Abderhalden-Straße 9 - gemeinsam mit der Gründungsprofessorin des Seminars Frau Prof. Evelyn Goodman – Thau und dem Generalkonsul des Staates Israel Herrn Mordechai Levy - der dem Institut zu diesem Anlaß eine Ausgabe der „Encyclopedia Judaica“ überreichte – eine Eröffnungsrede gehalten. Ich durfte bei dieser Veranstaltung - in meinem ersten Semester - zugegen sein. Das Engagement von Herrn Mehlig sollte nicht vergessen werden, ebenso wenig das Engagement der Professorin in der Aufbauphase des Seminars für Judaistik.

2 Dr. Petra Hoffmann schrieb am 19.10.2015 um 12:43

Ich kannte Prof. Mehlig aus der gemeinsamen Zeit des Runden Tisches des Bezirks Halle, der zwischen Mitte Dezember 1989 und Ende Mai 1990 beinahe wöchentlich tagte. Wir gehörten beide zu den "neuen Parteien und Gruppierungen" - Herr Mehlig zum Neuen Forum, ich zur SDP/SPD. Anfangs waren wir "Neuen" etwas schüchtern, aber das legte sich bald. Wir haben in dieser Zeit vieles über Demokratie gelernt und manches im Bezirk Halle bewirkt! Ich werde Herrn Mehlig ebenfalls in guter Erinnerung behalten! Dr. Petra Hoffmann

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