Zwei Linguisten schaffen mit „10plus1“ neue Formate des wissenschaftlichen Austauschs

Hunderte wissenschaftliche Artikel werden jeden Tag in Fachmagazinen veröffentlicht. Ohne den Austausch unter Kollegen wäre Wissenschaft undenkbar. Aber die Praxis des Publizierens ist verbesserungswürdig, finden Jana Pflaeging und Peter Schildhauer. Die beiden Linguisten haben deshalb ihr eigenes digitales Fachjournal gegründet – mit neuen Formaten und einem international besetzten Beirat, der dafür sorgt, dass die Qualität der Beiträge stimmt. Die erste Ausgabe des Magazins „10plus1: Living Linguistics“ ist bereits erschienen.

Im Namen 10plus1 steckt bereits die Grundidee: „Jede Ausgabe konzentriert sich auf ein Gebiet der angewandten Linguistik, zum Beispiel Medienlinguistik in Heft 1. Wir wollen immer einen renommierten Wissenschaftler des jeweiligen Gebiets gewinnen, der in seinem Aufmacherbeitrag das Feld skizziert, aber auch Provokantes zur Diskussion stellt. Es folgen zehn weitere Beiträge in ganz unterschiedlichen Formaten“, so Dr. Peter Schildhauer, Dozent an den Universitäten Halle und Bielefeld.

Magazin-Gründer Peter Schildhauer (Foto: Stifterverband / David Ausserhofer)

Magazin-Gründer Peter Schildhauer (Foto: Stifterverband / David Ausserhofer)

Im Juli 2014 hatte er gemeinsam mit seiner damaligen Bürokollegin Jana Pflaeging am Institut für Anglistik und Amerikanistik die Idee entwickelt. Die beiden Doktoranden diskutierten darüber, ob die momentane Praxis des wissenschaftlichen Publizierens tatsächlich der beste Weg sei, neue Erkenntnisse zu vermitteln und diese unter Fachkollegen zu diskutieren. Dieser Austausch in Form von Fachartikeln sei zumindest verbesserungswürdig, fanden beide.

Jana Pflaeging (Foto: Andreas Löffler)

Magazin-Gründerin Jana Pflaeging (Foto: Andreas Löffler)

„Unser Wunsch war es, etwas Neues zu wagen. Wir wollten Formate schaffen, die neue Ideen und kreative Formen des Wissensaustauschs unterstützen und ihnen Raum bieten“, sagt Jana Pflaeging, die am Institut für Anglistik und Amerikanistik promoviert und derzeit an der Universität Salzburg forscht. Ein Magazin „für alle, die linguistische Neugier als ihren Beruf und als Teil ihres Lebens betrachten“ sollte es werden.

Die beiden Initiatoren beschäftigen sich schon länger mit neuen Formen der Wissensvermittlung –aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Die studierte Grafikdesignerin und Sprachwissenschaftlerin Pflaeging hat in ihrer Examensarbeit untersucht, wie sich linguistische Theorien visualisieren lassen. Auch für ihre Promotion analysiert sie jetzt das Zusammenwirken von Sprache und Bild. Peter Schildhauer hat in seiner Doktorarbeit Textsorten im Internet untersucht und erforscht digitale Kommunikation und Bildung aus linguistischer Sicht.

Wie lässt sich ein text grafisch darstellen? Diese Frage diskutiert Design-Forscherin Fabienne Kilchör von der Hochschule der Künste Bern in der ersten Ausgabe von 10plus1 - am Beispiel einer Rede von Barack Obama. (Grafikausschnitt: Fabienne Kilchör).

Wie sich ein Text ganz unterschiedlich visualisieren lässt, zeigt Design-Forscherin Fabienne Kilchör von der Hochschule der Künste Bern in der ersten Ausgabe von „10plus1“ – am Beispiel einer Rede von Barack Obama. (Grafikausschnitt: Fabienne Kilchör).

Gemeinsam entwarfen die zwei ein Magazinkonzept, entwickelten eigene, offene Formate und riefen Fachkollegen dazu auf, für die erste Ausgabe von „10plus1“ Beiträge zu Themen der Medienlinguistik einzureichen. Neben klassischen wissenschaftlichen Beiträgen sollte das erste Heft neue multimediale Formate enthalten, die den Autoren bei der Ideenfindung so viel Gestaltungsspielraum bieten wie möglich: Etwa in Form des „3-Minute-Talk“, einem Video, in dem ein Forscher in etwa drei Minuten seine Beobachtungen zu einem aktuellen Thema darlegt.

Klaus Kerschensteiner, Doktorand an der Universität Passau, in 10plus1 über den Trend des „Unboxing“:

Oder in Form von „thinking about“: „Das sind kurze, locker geschriebene Texte, in denen neue, provokante Ideen formuliert und zur Diskussion gestellt werden können, ohne dass der Autor seine Thesen bereits mit Studien belegen muss“, erläutert Peter Schildhauer. Auch Dialogformate soll es geben sowie interaktive Grafiken, die dem Leser einen neuen, visuellen Zugang zu ganz unterschiedlichen, oft abstrakten Sachverhalten bieten.

Über die Qualität der Beiträge wacht ein redaktioneller Beirat, dem mittlerweile 25 Wissenschaftler von Universitäten aus vier Ländern angehören. Und trotzdem wollen die Herausgeber die Hürde für Autoren und Autorinnen möglichst niedrig halten: „Wir wollen nicht nur die Experten zu Wort kommen lassen, sondern auch Studierende, die sehr gute Seminararbeiten geschrieben haben“, so der Linguist.

Einmal jährlich soll das Magazin erscheinen, damit der Aufwand für alle Beteiligten überschaubar bleibt. Im September 2015 war es soweit: Auf der Website http://10plus1journal.com konnten die Beiträge der ersten Ausgabe im PDF-Format abgerufen werden. „Wir wollten 10plus1 als Gesamtpaket veröffentlichen, das zu einem bestimmten Erscheinungstermin heruntergeladen werden kann“, sagt Pflaeging. Seit Kurzem besitzt das e-Journal auch eine ISSN-Nummer und wird damit bald weltweit in Bibliotheken auffindbar sein.

Die Inhalte der ersten Ausgabe von 10plus1: Living Linguistics

Die Inhalte der ersten Ausgabe von 10plus1: Living Linguistics

Mehr als 1000 Besucher haben die Herausgeber seitdem auf ihrer Website gezählt. Die Leser kamen nicht allein aus dem deutschsprachigen Raum sondern auch aus Shanghai, aus Frankreich, Großbritannien und den USA. Auf Tagungen sei das e-Journal ebenfalls Gesprächsthema gewesen – und bislang sei das Feedback stets positiv ausgefallen, berichtet Pflaeging.

So auch an der Uni Halle: „Hut ab vor dieser Leistung“, sagt Prof. Dr. Erik Redling, der das Vorhaben mit Interesse verfolgt hat. „Dahinter stecken zwei hochmotivierte junge Wissenschaftler, die viel eigene Zeit und Aufwand investiert haben und etwas bewegen wollen. Ich hoffe, dass dieser frische Wind lange anhält“, so der Professor für Amerikanistik. „10plus1“ komme nicht nur der Linguistik und der Uni Halle zugute: „Es bietet vor allem eine tolle Möglichkeit, junge Leute in einem fachlichen Austausch zusammenzubringen.“

Jana Pflaeging und Peter Schildhauer arbeiten bereits an der zweiten Ausgabe des Journals. Für die Ausgabe zum Thema Kontaktlinguistik konnten sie eine Wissenschaftlerin der Universität Bielefeld als Gast-Herausgeberin gewinnen. Corinna Bertz

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Kommentare [ 1 ]

1 10plus1 in der Scientia Halensis | Jana Pflaeging schrieb am 11.03.2016 um 22:41

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