Tradition und Moderne: Im Tschad liegen die Ölfirmen in unmittelbarer Nähe zu den traditionellen Hütten der Bevölkerung. (Foto: Andrea Behrends)

Erdöl: Segen und Fluch

Wenn ein Land über Ölreserven verfügt, birgt das ungeahnten Reichtum – oder? Der Tschad zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Seit 2003 wird in dem Staat in der Mitte Afrikas Öl gefördert. Die Ethnologin Andrea Behrends hat über zwölf Jahre soziale und kulturelle Veränderungen durch die Erdölförderung vor Ort untersucht.

„Kommen Sie nicht in den Tschad!“ war die erste Reaktion, die Dr. Andrea Behrends Anfang 2000 zu ihren Plänen erhielt. Die Ethnologin wollte das Land und seine Bewohner erforschen. Sie interessierte sich speziell für die Grenze zum Sudan im Osten des Landes, eine Krisenregion. Nach zahlreichen weiteren Telefonaten, Behördengängen und den nötigen Impfungen konnte Behrends dann doch einreisen. Dass sie das Land in Zentralafrika und seine Bevölkerung bis in die Gegenwart begleiten würden, war damals wohl noch nicht abzusehen.

Andrea Behrends (Foto: Maike Glöckner)

Andrea Behrends
(Foto: Maike Glöckner)

2003 hat die Regierung begonnen, Erdöl zu fördern. Behrends war als Ethnologin von Anfang an dabei. „Wir wollten beobachten, wie sich eines der ärmsten Länder der Welt durch den Erdöl-Abbau verändert“, fasst sie zusammen. Eigentlich lässt sich davon ausgehen, dass sich die Situation im Land durch die Ölförderung verbessert: Wird viel Öl abgebaut, entstehen dadurch neue Jobs, der Staat verdient am Verkauf des Erdöls und den Steuern für den Export. Über die Mehreinnahmen kann die Regierung die Infrastruktur verbessern und zum Beispiel neue Schulen oder Krankenhäuser bauen.

„Als Ethnologin lebt man direkt mit der Bevölkerung vor Ort zusammen“

Damit die Regierung im Tschad die nötigen Rahmenbedingungen für die Ölförderung schaffen konnte, musste sie bei der Weltbank einen Kredit aufnehmen. Der war an bestimmte Bedingungen geknüpft: „Die Regierung wurde verpflichtet, ihre Gewinne transparent darzustellen, die Infrastruktur im Land auszubauen und einen Teil des Geldes in einem Treuhandfonds für zukünftige Generationen anzulegen.“ Klingt gut. Eigentlich. Anstelle von Krankenhäusern und Schulen wurden moderne Märkte und Fußballstadien errichtet. Der Westen habe das Vorgehen toleriert, weil Präsident Idriss Déby für relativ stabile Verhältnisse habe sorgen können. Aufstände tschadischer Rebellen konnte er wiederholt niederschlagen. Das machte das Ölgeschäft stabiler.

Ethnologen arbeiten in der Regel vor allem qualitativ: Sie führen keine großen Befragungen durch, um ein allgemeines Bild zu erheben: „Wir versuchen, die Hintergründe und Entwicklungen anhand von Schlüsselpersonen und -ereignissen zu verstehen.“ Dafür müssen sie längere Zeit vor Ort sein und mit vielen Menschen sprechen. Feldforschung ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. „Als Ethnologin lebt man direkt mit der Bevölkerung vor Ort zusammen und lernt auch ihre Sprache.“ Wichtig sei dafür auch, passende Kleidung zu finden. Sie muss den lokalen Vorstellungen von angemessener Kleidung entsprechen, praktisch und robust sein, denn die meisten Gespräche finden nicht auf Stühlen an einem Tisch statt, sondern auf dem Boden.

Für Ethnologen sind diese persönlichen Gespräche das Zentrum ihrer Arbeit: Kommen sie in einem neuen Land an, versuchen sie schnell, Kontakte zur Bevölkerung aufzubauen und sich so an weitere Personen vermitteln zu lassen. So war es auch bei Andrea Behrends, die im Tschad bei mehreren Gastfamilien lebte. Nach all den Jahren sei sie fast ein richtiges Familienmitglied geworden: „Einige der Kinder aus den Familien habe ich aufwachsen sehen. Bei Familienfesten sind auch mir unbekannte Menschen auf mich zugekommen und haben gesagt: Ach, du bist also Andrea“, berichtet sie lachend. Durch die engen und langfristigen Beziehungen lernte Behrends nicht nur die Fakten kennen, sondern auch die persönlichen Geschichten der Menschen, deren Leben durch das Erdöl beeinflusst wurde.
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