„Geschichte, die direkt nachwirkt“

In den Jahren 1933 bis 1945 wurden an der Uni Halle mindestens 43 Hochschullehrer aus dem Dienst entlassen – in der Mehrzahl, weil sie jüdische Vorfahren hatten oder politisch verfolgt wurden. 2013 gedachte die Universität mit einer Publikation und einer Veranstaltung dieser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Nachfahren der Vertriebenen kamen dazu auch aus Israel und den USA nach Halle. Viele dieser Menschen hat das Projekt, das den Titel „Ausgeschlossen“ trägt, seitdem nicht mehr losgelassen, wie PD Dr. Friedemann Stengel im Interview berichtet. Er leitet die Rektoratskommission, die Namen und Lebensläufe recherchiert und weiter an der Aufarbeitung der Universitätsgeschichte arbeitet.

Wie gestaltet sich der Austausch mit den Angehörigen seit der Gedenkveranstaltung 2013?

Friedemann Stengel (Foto: privat)

Friedemann Stengel (Foto: Jörg Hammerbacher)

Friedemann Stengel: Kontakt besteht nach wie vor, meist auf einer sehr persönlichen Ebene. Monate nach der Veranstaltung hat mich zum Beispiel eine der drei Töchter von Ernst Wertheimer, die auch an der Gedenkveranstaltung teilgenommen hatten, auf dem Handy angerufen. Ihr Vater, der Physiologe Ernst Wertheimer, war 1933 aus dem Dienst der Uni Halle entlassen worden, weil er Jude war. Ich war gerade mit dem Rad unterwegs, sie rief aus Israel an und sagte nur: „Seit ich in Halle war, ist es nicht mehr wie vorher. Nur das möchte ich Ihnen sagen.“ Das war für mich ein sehr bewegender Moment.

Mit wem sind Sie noch in Kontakt?
Immer wieder mit John Rothmann aus San Francisco. Er ist der Sohn des Internisten Hans Rothmann, und ihm ging es so wie vielen Angehörigen: Die Vertriebenen haben mit ihren Familien kaum über das Erlebte gesprochen. Bei John Rothmann, der in den USA als Radiojournalist und Historiker arbeitet, hat diese Gedenkveranstaltung eine große emotionale Bewegung ausgelöst – weil es um seinen Vater geht. Ihm lag und liegt viel daran, seine Geschichte öffentlich mitzuteilen. Er hat deshalb selbst wiederholt in der Wochenzeitschrift „Jewish News Weekly“ darüber und über seine Reise nach Halle geschrieben. Über seine Artikel habe ich auch erst erfahren, dass sein Großvater Max Rothmann vor 1915 königlicher Oberarzt und Universitätsprofessor in Berlin gewesen ist.

John Rothmann sprach 2013 bei der Gedenkfeier für die vertriebenen Hochschullehrer. (Foto: Maike Glöckner)

John Rothmann sprach 2013 bei der Gedenkfeier für die vertriebenen Hochschullehrer. (Foto: Maike Glöckner)

Erst im August hat John Rothmann über ein neues bewegendes Kapitel seiner Familiengeschichte geschrieben.
Seine beiden Söhne, die auch zur Gedenkveranstaltung nach Halle gekommen waren, haben am 117. Geburtstag ihres Großvaters die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Dies ist von der Veranstaltung und dem „Ausgeschlossen“-Projekt angeregt worden.

Im Rahmen des Projekts wurde auch der Gedenkband „Ausgeschlossen“ veröffentlicht, der die Biographien von 43 vertriebenen Hochschullehrern enthält. Welche Reaktionen gab es auf diese Publikation?
Lange, nachdem wir den Band veröffentlich hatten, bekam ich eine E-Mail von Bernadette Laqueur aus Seattle, Washington. Ihr Großvater, der Althistoriker Richard Laqueur, musste 1936 als einer der letzten Professoren die Uni Halle wegen seiner jüdischen Vorfahren verlassen. Er emigrierte in die USA, schlug sich dort mit Gelegenheitsarbeiten durch und wurde nach seiner Rückkehr nach Deutschland auf Betreiben der Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der SBZ wegen seiner nationalkonservativen Haltung auch nach 1945 nicht wieder auf eine Professur berufen, obwohl man sehr wohl wusste, dass er als „Volljude“ aus seiner Professur entlassen worden war. Seine Enkelin war bei der Vorbereitung ihrer Europareise auf unser „Ausgeschlossen“-Buch gestoßen. Sie wollte gemeinsam mit ihrem Mann die Orte ihrer Vorfahren in Polen und in Halle besuchen. Im Mai 2015 trafen wir uns also in Halle und fuhren gemeinsam nach Dölau, zu dem Haus, in dem ihre Mutter aufgewachsen war. Wir trafen auf den jetzigen Hausbesitzer, der vieles über die Laqueurs wusste, was der Enkelin völlig unbekannt war und sie geradezu sprachlos machte. Auch dies ist eine Frucht des „Ausgeschlossen“-Projekts.

Kamen nach der Veröffentlichung auch noch andere auf Sie zu?
Vor zwei Jahre hat mich Pavel Sládek angeschrieben, Leiter des Zentrums für Jüdische Studien am Institut für Nahost- und Afrikastudien der Karls-Universität Prag. Er ist über Google auf unser Buch gestoßen. Das Institut hatte auf einem Dachboden Lehrbücher und Unterrichtsmaterial von Mojzis Woskin-Nahartabi gefunden, der in Halle zunächst als Universitätslektor und ab 1934 dann nur noch als Hilfsarbeiter beschäftigt wurde. Woskin-Nahartabi ging nach Prag, von dort wurde er nach Theresienstadt deportiert und 1944 mit seiner Familie in Auschwitz ermordet. Auch im Ghetto unterrichtete er noch Hebräisch und Arabisch. Die Prager wollen ihr Institut nach ihm benennen. Pavel Sládek sucht gerade auch deshalb Kontakt nach Halle.

> mehr über die Neuauflage und weitere Publikationen auf Seite 2 >>

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