Smartself und Ralf Peters
Von links: Chung Nguyen, Ralf Peters, Martin Apler und Jens Präkelt im Gespräch (Foto: Michael Deutsch)

Mentor hilft Profi-Zockern

Noch bevor Jungunternehmer ihre eigene Firma gründen können, sind einige Hürden zu nehmen, zum Beispiel das Antragsprozedere für eine Gründerförderung. Doch auch in fachlichen Belangen brauchen die Gründer Unterstützung. Das neue Mentorenprogramm des Gründerservice der Uni Halle vermittelt deshalb erfahrene Unternehmer und Wissenschaftler, die den Firmenchefs von morgen unter die Arme greifen. Einer von ihnen ist Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Ralf Peters. Er hilft App-Entwicklern, die zocken wollen.

Daddeln im stillen Kämmerlein war gestern. Heute teilen Computerspieler als sogenannte Streamer ihre Spieleabenteuer live per Video mit der ganzen Welt. Auf Plattformen wie „Twitch“ schauen Millionen ihren Lieblings-Zockern über die Schulter. Und mit diesem Publikum lässt sich gutes Geld verdienen. Um gleich in der Spielersprache zu bleiben: Chung Nguyen und Jens Präkelt, die an der Hochschule Merseburg Wirtschaftsinformatik studiert haben, greifen den Social-Live-Streaming-Markt an. Gemeinsam Martin Apler, der an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert hat, wollen sie mit der Web-App „SmartSelf“ unternehmerisch einen Volltreffer landen.

Auf dem Weg dorthin werden die drei Absolventen vom Gründerservice der Uni Halle und vom halleschen E-Business-Experten Prof. Dr. Ralf Peters begleitet. Das Prinzip: Frische Ideen paaren sich mit langjähriger Erfahrung. „Dazu stellen wir unseren Gründerteams gestandene Unternehmer zur Seite, die sich ehrenamtlich mit all ihrer Erfahrung, ihren wertvollen Kontakten und gesicherten Marktkenntnissen einbringen“, erklärt Gründungsberater Steffen Ahrens. Zudem benötigen die Gründerteams in der frühen Phase der Produkt- und Geschäftsmodellentwicklung auch die fachliche Begleitung durch Professoren mit Praxiserfahrung.

Je mehr Zuschauer, desto mehr Geld

Doch worum geht es bei „SmartSelf“? Um statistisches Insider-Wissen, mit dem Profispieler, wie Martin Apler erklärt, gängigen Social-Live-Streaming-Plattformen gute Einkünfte erwirtschaften können. „Gehört man zu den Besten, wird man an den Umsätzen aus Anzeigenwerbung beteiligt. Die simple Formel: Je mehr Klicks ein Kanal hat, desto höher der Ertrag“, so der 26-Jährige. Die Plattform „Twitch“ hat derzeit 100 Millionen Nutzer. „Jeder kann hier seinen Kanal erstellen. Mit dem Unterschied, dass gute Zuschauerquoten honoriert werden. Bereits mit 300 Usern lässt sich Geld verdienen, Stars haben locker 20.000 aufwärts“, sagt Apler. Erfolgreiche Streamer seien nicht nur gute Spieler; sie kommentieren ihre Spiele von Anfang bis Ende, unterhalten ihre Fans mit witzigen Kommentaren und geben Insider-Tipps.

Lange bevor eine App geplant war, hat der spielaffine Volkswirt beim Zocken fleißig Daten gesammelt. Er dokumentierte das Nutzerverhalten, listete etwa auf, wann die besten Spielzeiten sind, welche Spiele gut laufen, welche Zielgruppen man wann und womit erreicht. Das Ganze war Marktforschung pur. Überraschungen bei den Erhebungen blieben nicht aus. Etwa bei den Einschaltzeiten: Die meisten Zuschauer etwa habe man zur Tageszeit. Daraus könne man schlussfolgern, dass etliche User auf der Arbeit die Spiele verfolgen. Am Wochenende gehen die Streaming-Zugriffe zurück. „Ich denke, weil die Leute dann selbst spielen“, so Apler.

Das Datenmaterial, das mittlerweile automatisiert gesammelt wird, fließt nun in die App „SmartSelf“. Mit diesem käuflichen Programm sollen Streamer ein Werkzeug erhalten, um effizient Zielgruppen anzusprechen und zu binden.

Gute Ideen verlangen eine gute Umsetzung. „Deshalb haben wir uns von Beginn an Hilfe beim Gründerservice gesucht“, erzählt Jens Präkelt und verweist auf Gründungsberater Steffen Ahrens. „Alle unsere Gründer haben zunächst Finanzbedarf. Also schauen wir, welche Förderprogramme zur Idee und zum Team passen“, erklärt er. Die Wahl fiel auf das EXIST-Gründerstipendium. Die Anforderungen dafür sind hoch. Immer wieder schickten die angehenden Gründer eine neue Antragsfassung an Ahrens, der diese wiederum kommentierte. Mit Erfolg: Im November 2016 wurde das Stipendium bewilligt. Die Gründer erhalten für ein Jahr finanzielle Unterstützung sowie ein Budget für Beratung und Sachmittel in Höhe von insgesamt 125.000 Euro.

Die Betreuung der Gründerszene rund um die Uni Halle hat sich enorm professionalisiert. Mit dem Gründerservice hat die Universität eine zentrale Anlaufstelle für ihre Studierenden, Beschäftigten und Alumni geschaffen, die sich über Unternehmensgründung informieren wollen oder die sich mit dem Gedanken der Selbstständigkeit tragen. „Wir begleiten Start-Ups der Uni auf dem kompletten Weg der Gründung – angefangen von der Geschäftsidee über die Gründung bis hin zum Markteintritt“, erklärt Ahrens. Das Angebot wird nun seit einigen Monaten durch das Mentorenprogramm ergänzt.

„Mentoring ist keine Einbahnstraße“

Für das Team „SmartSelf“ ist Ralf Peters ein perfekter fachlicher Mentor. Der Wirtschaftsinformatiker war vor seiner Berufung an die Uni Halle selbst viele Jahre in der Software- und Spieleentwicklung tätig. Demzufolge kennt der 50-Jährige die besten Strategien. Auf sein Anraten werden externe Dienstleister ins Boot geholt, um die Entwicklungszeit der App zu verkürzen. Bereits im März 2017 soll eine Test-Version der App vorliegen, Anfang Herbst will das Gründerteam mit einer Bezahl-Variante auf den Markt.

„Das Mentoring ist keine Einbahnstraße“, betont Peters. Einerseits könne man Knowhow beisteuern und andere vor typischen Anfängerfehlern warnen. Auf der anderen Seite erneuere die Kreativ-Geister-Szene die eigenen Denk- und Sichtweisen. „Ich gebe gern zu, dass ich das Thema Social-Live-Streaming nur am Rande wahrgenommen habe“, sagt Peters. Erst durch die Arbeit mit dem Team sei ihm die Dimension bewusst geworden. Mentor zu sein, hat Vorteile. Im Wissenschaftsbetrieb ist es das Fenster nach draußen, um in Sachen E-Business immer auf dem neuesten Stand zu bleiben. Michael Deutsch

Informationen für Gründungsinteressierte

Der Gründerservice der Uni Halle bietet im Rahmen der Förderung ego.-KONZEPT durch das Land Sachsen-Anhalt, kofinanziert vom Europäischen Sozialfonds (ESF) ein Programm für Innovations- und Gründungsförderung für Studierende, Wissenschaftler, Absolventen und Alumni-Gründer an. Weitere Informationen dazu www.gruendung.uni-halle.de

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