Burkhard Schnepel
Burkhard Schnepel erforscht das Gebiet des Indischen Ozeans. (Foto: Michael Deutsch)

Indian Ocean Studies: Wie Ideen auf Reisen gehen

Die Globalisierung ist nicht neu. Wenn man so will, hat sie ihre Anfänge im 16. Jahrhundert. Damals waren Seeleute im Indischen Ozean und auf anderen Weltmeeren unterwegs. Damit einher ging ein reger Austausch: Händler brachten Waren, Sprachen und Ideen mit. – All das waren Einflüsse, die heute in den „Indian Ocean Studies“ untersucht werden. Dazu forscht der Ethnologe Prof. Dr. Burkhard Schnepel. In Kooperation mit dem hiesigen Max-Planck-Institut hat er ein einmaliges Netzwerk geschaffen.

Burkhard Schnepel hat ein weites Forschungsfeld: Über fast 70 Millionen Quadratkilometer erstreckt sich der Indische Ozean. Er bedeckt rund 15 Prozent der Erdoberfläche und verbindet dabei Afrika und die arabisch-persische Welt mit Indien, Indonesien, Australien und den Ländern Ostasiens bis hin nach China. Dazwischen viele Inseln und Inselgruppen mit klangvollen Namen, die den Laien vor allem an Urlaub denken lassen: Madagaskar, die Seychellen, Mauritius, die Malediven sowie Sri Lanka.

Seit rund 5.000 Jahren werden Teile des Indischen Ozeans befahren. Spätestens als es den Seefahrern um die Zeitenwende gelang, dem für diese Region typischen Wetterphänomen des Monsuns das Geheimnis seiner gesetzmäßigen Wiederkehr abzutrotzen, wurde die Schifffahrt im Indischen Ozean insgesamt berechenbarer. So konnten Segelboote regelmäßig zwischen den drei Kontinente verbindenden Küsten und Inseln Handel treiben. Betrachtet man den Indischen Ozean also unter dem Aspekt der Schifffahrt, so ist er der älteste Ozean der Welt.

Mikrostudien liefern Gesamtbild

Schnepel muss nicht lange überlegen, wenn er gefragt wird, was ihn an einem derart großen Untersuchungsgebiet reizt: „Es ist die Komplexität. Die Region im Ganzen und in ihrer historischen Tiefe zu verstehen“, sagt er. Doch wie schafft man es, ein in vielen Aspekten so heterogenes Feld überhaupt zu erforschen? Anhand vieler einzelner sozialanthropologischer und ethno-historischer Mikrostudien entstehen zunächst kleine Einblicke, die anschließend zu einem großen Ganzen komplettiert werden können. Projekte werden dabei aus zwei Richtungen angegangen: Einerseits über empirische Mikrostudien, andererseits über das Bestreben, immer das große Ganze in historischer Tiefe und in räumlicher Breite zu verstehen. Mit den vielen Einzelprojekten lassen sich Zustände und Veränderungen beschreiben. Wie Puzzlestücke sollen sich diese Befunde zu einem Gesamtbild für die historisch gewachsenen Veränderungen, aber auch Kontinuitäten fügen.

„Von vorrangigem Forschungsinteresse für mich und meine Mitarbeiter sind die historisch gewachsenen und bis heute wirkenden Austauschbeziehungen“, sagt Burkard Schnepel. Dieses Phänomen ist es, das den Ethnologen seit Jahren fesselt. Er selbst ist an der Nordsee aufgewachsen und weiß, dass das alte Sprichwort, wonach Berge voneinander trennen, Meere hingegen verbinden, auch für sein Forschungsgebiet mehr als zutreffend ist. Denn der maritime Austausch hat die Region um den Indischen Ozean entscheidend beeinflusst.

Kooperation mit Max-Planck-Institut

Die untersuchten Phänomene sind dabei so verschieden wie das Untersuchungsgebiet selbst: So können das Essen und die kulinarischen Gewohnheiten in der ehemaligen britischen Kolonialstadt George Town auf der malaysischen Insel Penang ebenso zum Forschungsgegenstand werden, wie das lokale Demokratieverständnis auf den Malediven. Beide Themen waren übrigens Promotionsvorhaben.

Schnepel selbst untersuchte bei einem seiner vielen Forschungsaufenthalte auf der Insel Mauritius den für die Insel typischen Musik- und Tanzstil namens Sega. Er wurde einst von afrikanischen Sklaven auf die Insel gebracht. Inzwischen ist er von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt worden. „Er ist ein typisches Beispiel dafür, was der Austausch zwischen und das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft im Indischen Ozean hervorgebracht hat“, sagt Schnepel, dem es immer wieder gelingt, für seine Arbeiten große Mengen an Drittmitteln einzuwerben.

Sega-Tanz

Der Tanz-Stil „Sega“ auf Mauritius zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe (Foto: Cornelia Schnepel)

 

Seit 2013 ist der 62-jährige Wissenschaftler außerdem Fellow am halleschen Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung. Dort wird sein Programm unter dem Titel „Connectivity in Motion: Port Cities of the Indian Ocean“ über sechs Jahre gefördert. Darin werden vor allem Hafenstädte untersucht. Dabei lassen sich so genannte Hubs, also Knotenpunkte unterschiedlicher Anrainer identifizieren, die eine große Vielfalt an Sprachen und Kulturen aufweisen und in denen Waren ein- und wieder ausgeführt werden.

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