Mit historischen Instrumenten gastierte die Wittenberger Hofkapelle in der Aula. (Foto: Maike Glöckner)

Reformation für die Ohren: „aula konzerte halle“ mit Wittenberger Hofkapelle

Dass die Musik der Reformation nicht allein aus Luther-Liedern besteht, bewies die Wittenberger Hofkapelle bei ihrem Auftritt in der Reihe „aula konzerte halle“ am 27. April. Die vier Sänger und drei Instrumentalisten brachten unter anderem Lieder von Philipp Melanchthon und Paul Eber zur Aufführung. Pascal Schiemann hat das Konzert rezensiert.

Dass – wenn denn überhaupt jemand irgendwem etwas zu verdanken habe – es Gott sei, der in der Schuld der Musik stünde, ist ein Stachel, welchen in den Topos vom Donum Dei (Geschenk Gottes) und damit tief in das Fleisch der reformatorischen Musiktheorie zu treiben es erst der Klarsicht eines Emil Cioran bedurfte: „Ohne die Musik“, so die Diagnose des rumänischen Philosophen, „würde der Theologie ihr Gegenstand fehlen“. Und so fraglos denn auch für das Verständnis Martin Luthers der Musik als einer Gabe der göttlichen Schöpfung bereits ihrem Ursprunge nach etwas Transzendentes innewohnte, so fraglos scheint, dass die Reformatoren von der Musik nicht weniger profitierten als die Musik von ihnen – man wusste die Überzeugungskraft der Töne für die Verbreitung der neuen Sache bestens zu nutzen.

Die Wittenberger Hofkapelle besteht seit 2002. (Foto: Maike Glöckner)

Über Zweck und Selbstzweck der Reformationsmusik lässt sich trefflich streiten, über eine andere Umwertung indessen nicht: Im 500. Jubiläumsjahr der Luther‘schen Disputatio ist die Reformation der Musik das geworden, was die Musik dereinst der Reformation war – ein dankbares Werbemittel, das reißenden Absatz verspricht. Der geneigte Musikliebhaber jedenfalls kann sich dieser Tage nur schwerlich vor tausendfach zu Chartstürmern avancierenden Luther-Best-ofs aus fünf Jahrhunderten Musikgeschichte in CD-Regalen und auf Konzertbühnen retten, vor einem Potpourri aus Evergreens der Reformationszeit, wenn man denn so will.

Umso dankbarer durfte man sich zeigen, dass die Wittenberger Hofkapelle bei ihrem Auftritt in der Reihe der „aula konzerte halle“ mit Philipp Melanchthon und Paul Eber auch Liederdichter in das Luther-Einerlei warf, die im Reformationsjahr nur allzu gerne unterzugehen drohen, und – vom Quoten-Bach einmal abgesehen – den Griff in die musikalische Wunderkammer wagte: Mit einer Zusammenstellung von Versvertonungen des 16. und frühen 17. Jahrhunderts huldigte das Ensemble einer Ästhetik, die von der schwärmerischen Romantik eines emphatischen Werkbegriffs nicht weiter entfernt sein könnte und reihte sechste Strophen von Le Maistre an fünfte von Eryträus.

Die musikalische Durchschlagskraft der neuen Lieder wusste die Wittenberger Hofkapelle beinahe ungebrochen mit feinsten Gespür zu demonstrieren: In der vom Saum überschwänglichen Ausdrucks entkleideten Urwüchsigkeit eines einstimmigen Cantus firmus ebenso sehr wie in der filigranen Mehrstimmigkeit oder dem herausragend vorgetragenen Unisono von Altus und Sopran auf den Hymnus de Sanctis Angelis. Nirgends aber konnte das Ensemble die Akustik der Aula besser ausschöpfen, als dort, wo sich in den Bizinien der Gamben und den Lauten-Intavolierungen Vox von Sermo trennte – an „Ein feste Burg ist unser Gott“ und „Wenn wir in höchsten Nöten sein“ freilich kam dabei auch die Wittenberger Hofkapelle nicht vorbei. Pascal Schiemann

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