Nachruf: Günter Mühlpfordt –
Der Wahrheit verpflichtet

Am 4. April verstarb Prof. Dr. Günter Mühlpfordt, renommierter Aufklärungsforscher und bedeutender Osteuropa-Historiker. Als Student, Doktorand und Professor war er der Uni Halle verbunden, bis er zu DDR-Zeiten aus politisch-ideologischen Gründen mit einem 33 Jahre andauernden Berufsverbot belegt wurde. Dennoch hat der unbeugsame Gelehrte die mitteldeutsche und europäische Aufklärung zu seinem Lebensthema gemacht. Ein Nachruf von Dr. Margarete Wein.

Günter Mühlpfordt – es fällt schwer, ihm etwas nachzurufen … Viel lieber würde ich ihm gegenüber sitzen … im Gespräch über ein gegenwärtiges Vorhaben oder über ein künftiges Projekt – wie wir es, durch etliche in der einen oder anderen Weise gemeinsam in Angriff genommene Arbeiten verbunden, seit fast zwei Jahrzehnten regelmäßig taten.

Doch für Günter Mühlpfordt schloss sich im Alter von fast 96 Jahren am 4. April 2017 der Lebenskreis. Sein ganzes langes Da-Sein und So-Sein hat er in den Dienst von Wissenschaft und Wahrheit gestellt. Vitam impendere vero Das Leben der Wahrheit weihen, so lautete sein Credo, das er dem IV. Buch der Satiren des römischen Dichters Juvenal entnahm. Bereits der französische Aufklärer Jean-Jaques Rousseau sah diese Worte als leuchtenden Leitspruch an. Und die Aufklärung – die mitteldeutsche wie die europäische – war Günter Mühlpfordts Hauptforschungsfeld, das der hallesche Historiker lebenslang bearbeitet hat.

Die Aufnahme von 1954 zeigt Günter Mühlpfordt in der Bibliothek des Instituts für Osteuropäische Geschichte der Uni Halle. (Foto: Universitätsarchiv)

Rehabilitation mit fast 70 Jahren

Aber auf so rigorose Weise der Wahrheit verpflichtet zu sein, blieb nicht folgenlos. Unter den nach 1945 in Ostdeutschland (vor)herrschenden politischen Verhältnissen machte es zwangsweise aus einem hoffnungsvollen jungen Gelehrten für Jahrzehnte einen Geächteten – ein Unrecht, das selbst durch die „vollständige Rehabilitation“ 1990 nicht wieder gutzumachen war, denn für eine Fortsetzung der gewaltsam abgebrochenen universitären Karriere war es für den fast 70-Jährigen unwiderruflich zu spät. Nicht jedoch für weitere wissenschaftliche Forschungen, größtenteils zur Frühen Neuzeit und zur mitteldeutschen und europäischen Aufklärung, für Vortrags- und Publikationstätigkeit. Doch davon später mehr.

Günter Mühlpfordt, am 28. Juli 1921 in eine hallesche Fabrikantenfamilie geboren, entdeckte seine Liebe zur Geschichte schon als Achtjähriger. Da las er in einem Geschichtsbuch seines Vaters und war vom Heimatkundeunterricht fasziniert. Ein maßgebliches Bildungserlebnis war ihm die Lektüre von Friedrich Wilhelm Putzgers Großem Geschichtsatlas aus dem Jahr 1931. Als Knabe Zögling der Franckeschen Stiftungen, interessierte er sich früh für Sprachen, ebenso oder mehr noch für das Mittelalter. Bald stand sein Studienwunsch fest. Mit 18 Jahren legte er das Abitur ab, nahm im Herbst 1939 an der Alma Mater Halensis ein Studium der Geschichte, Philosophie und Slawistik auf. Bereits 1941 wurde er bei Martin Lintzel mit einer Arbeit über „Die deutsche Führung des böhmisch-mährischen Raumes in der Zeit Maria Theresias und Josefs II.“ mit magna cum laude promoviert.

Weitere wichtige Lehrer waren der Mediävist Karl Jordan, der Prähistoriker Paul Grimm, der Rechtshistoriker Gerhard Buchda, der Neuzeithistoriker Martin Göhring, schließlich der Osteuropahistoriker und (nach dem Theologen Otto Eißfeldt) zweite Rektor der Alma Mater Halensis nach dem zweiten Weltkrieg Eduard Winter.

Institutsaufbau in Halle und Berlin

Erzwungenermaßen Wehrmachtsangehöriger und Kriegsgefangener, nach der Rückkehr vorübergehend als Dolmetscher tätig, verlor Günter Mühlpfordt doch zu keiner Zeit sein Ziel aus den Augen: suchend und forschend der Wissenschaft zu dienen. Sehr bald galt den Aufklärungsuniversitäten Wittenberg und Halle, Leipzig, Erfurt und Jena und ihrer Ausstrahlung auf Europa und die Welt sowie prägenden Gestalten der mitteldeutschen Aufklärung wie Christian Wolff, Christian Thomasius, oder Karl Friedrich Bahrdt und vielen anderen sein Hauptaugenmerk.

1947 wurde er Lehrbeauftragter und Assistent von Eduard Winter, baute in dessen Auftrag in Halle ein Universitätsinstitut für Osteuropäische Geschichte auf und übernahm zwischen 1949 und 1951 den Wiederaufbau des Instituts für Osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Er war auf bestem Weg zu werden, was später ein „Senkrechtstarter“ hieß. 1953 habilitierte er sich mit einer Analyse über „Die polnische Krise von 1863“. Die Themenwahl begründete Günter Mühlpfordt 1998 im Interview für die „Hallischen Beiträge zur Zeitgeschichte“ von Prof. Dr. Hermann-Josef Rupieper so: „Das Thema habe ich, die Analogie zwischen dem Schicksal des geteilten Polen und dem des geteilten Deutschland vor Augen, bewusst gewählt. Überdies war – für den Historiker stets wichtig! – die Quellenlage günstig.“

Im Mai 1953 wollte Günter Mühlpfordt seine Antrittsvorlesung über die „Ursachen der Rückständigkeit des zaristischen Russland“ halten – doch das Thema missfiel. Ein sowjetischer „Kulturoffizier“ tat seinen Unwillen kund, willfährige Politbonzen machten daraus kurzerhand ein Verbot: Die Antrittsvorlesung fiel aus.

Dennoch wurde Günter Mühlpfordt 1954 – wegen des Weggangs des bisherigen Lehrstuhlinhabers und Institutsdirektors nach Berlin – zum Professor berufen und zum Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte der Universität Halle ernannt. 1956 brachte er Band 1 seines „Jahrbuchs für Geschichte Ost- und Mitteleuropas“ heraus. Seine erklärte Absicht war es, „im Sinn der natürlichen Mittlerfunktion des deutschen Volkes zwischen östlichen und westlichen Ländern“ die Kluft zwischen Ost und West zu schließen, „Brücken zu schlagen“ – das aber war nicht vereinbar mit der auf unversöhnliche Konfrontation zielenden Parteidoktrin. So blieb Band 1 der einzige, der Günter Mühlpfordts Intentionen entsprach.

Fortsetzung auf Seite 2 >>

Kommentar schreiben

Ihr Kommentar wird schnellstmöglich durch unser Team freigeschaltet.

Kommentar