„Als Pfarrerin kann man nur arbeiten, wenn man auf Resonanz stößt“, sagt die Studierenden- und Hochschulpfarrerin Christiane Thiel. (Foto: Markus Scholz)

„Ich bin selbst noch nicht fertig“

Christsein heißt für Christiane Thiel auch: Querdenken und Aufmüpfig-Sein. Vor neun Monaten kam sie als neue Hochschul- und Studierendenpfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) nach Halle. Seitdem arbeitet sie daran, ihre Gemeinde an der Uni und in der Stadt sichtbarer zu machen. Nebenbei probt sie mit dem neugründeten „PoPChor“, schreibt Liedtexte für den Kantor der Pauluskirche und betreibt Seelsorge auch mal am Smartphone.

Am liebsten wäre Christiane Thiel mitsamt der Familie direkt an ihren neuen Arbeitsort gezogen, anstatt täglich zwischen Leipzig und Halle hin und her zu pendeln. „Raus aus der turbulenten Stadt, das wäre schön. Aber leider geht es nicht anders“, bedauert die Mutter dreier Söhne im Alter von fünf, sieben und neun Jahren. „Die Familienarbeit ist nicht besonders gut mit dem Pfarrersberuf vereinbar. Deshalb übernimmt sie mein Mann, der in Leipzig seine Arbeit hat.“

Nach 20 Jahren als Pfarrerin der sächsischen Landeskirche hat Thiel im September 2016 in der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) in Halle noch einmal neu angefangen. „Ich wollte mich verändern – in Richtung Kultur und Bildung. Und ich wollte zur Evangelischen Kirche Mitteldeutschland“, sagt sie beim Gespräch in ihrem Büro in der Puschkinstraße. Hier hat die ESG ihren Sitz.

Warum gerade Mitteldeutschland? „Hier ist die Wirklichkeit eine andere als in Westdeutschland. Hier befinden sich die Gläubigen in der Minderheit und die Kirche hat ihre Wurzeln in der Bekenntniskirche des Ostens.“ Bekenntniskirche heißt: Die Gemeinde bekennt sich zur Bibel – dem Wort Gottes – als der obersten Autorität; ihre Glaubensgrundlagen sind in einer Bekenntnisschrift zusammengefasst. Ein wichtiger Punkt für die Diplom-Theologin, die an der Uni Leipzig studiert hat. Als Christin sei sie im sächsischen Freiberg „im Widerstand“ aufgewachsen. „In der Schule wurde ich beschämt und beleidigt – aber ich habe meinen Glauben nie verheimlicht“, erzählt sie. Damals habe sie das kritische Hinterfragen gelernt, dass sie bei den Studierenden heute bisweilen vermisst: „Ich bin manchmal über ihre Bravheit überrascht.“

„Ich fühle mich zu etwas anderem beauftragt“

Christiane Thiel vor der ESG (Foto: Markus Scholz)

Das „Querdenken und Aufmüpfig-Sein“ gehört für Christiane Thiel zum christlichen Glauben dazu. Und mit dieser Haltung geht sie auch in Halle ihre Arbeit an: „Die ESG war bislang ein behaglicher, großer Freundeskreis. Ich fühle mich aber zu etwas anderem beauftragt und so habe ich auch meine Berufung zur Studentenpfarrerin durch die Bischöfin verstanden. Auch von der ESG Halle wird erwartet, dass sie an der Universität in Erscheinung tritt“, sagt sie bestimmt. Und ergänzt: „Als Pfarrerin kann man nur arbeiten, wenn man auf Resonanz stößt.“

Ganz gezielt sucht sie jetzt das Gespräch. Professoren wie Henning Rosenau – Geschäftsführender Direktor des Interdisziplinären Zentrums Medizin-Ethik-Recht – oder Heike Kielstein – Direktorin des Instituts für Anatomie und Zellbiologie und Leiterin der Meckelschen Sammlungen – hat sie bereits getroffen, ebenso Vertreter der Burg Giebichenstein Kunsthochschule und des Uni-Familienbüros. Thiel will konkrete Anknüpfungspunkte für einen intensiveren Austausch zwischen der ESG und der Universität finden. So könne sich die Studierendengemeinde allmählich öffnen.

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